Das Lackballett
 
Wenn sich die die Künste rauschhaft vereinen
Regisseur Jörg Udo Lensing vierfarbige Aquarellentwürfe und Schlemmers Aussagen in
Briefen. Mit seinem Team hat er eine multimediale Performance geschaffen. Kaum ein
Genre, das nicht berücksichtigt wird: Tanz, Skulptur, Musik, Mode, Malerei und Videokunst.
Nachdem das Tanz-Sextett um Miriam Gronau; Cheng-Cheng Hu, Tuan Li, Javier Ojeda
Hernandez, Francesca Perrucci und Phaedra Pisimisi zu Beginn noch mit bunten Stoffen
hantieren, lassen sie eine neue Figurine nach der anderen entstehen. Sie tragen quadratische Röcke aus grün, blau,rot oder gelb lackierten ,,Bierdeckeln', Hüte oder Halsketten aus bunten Trapezen, Kostüme aus Silberkugeln,,,Haken" oder Reifröcke mit leuchtenden Lichterketten. Wenn die Tänzer und Tänzerinnen in immer wieder neuen skulpturalen Textilien auftreten, fühlt man sich zuweilen an Modeschau-Spektakel erinnert. Solo, im Duett oder in der Gruppe vollführen sie dann ihre Choreografien,spielen mit ihren Mode-Accessoires, indem etwa ein Hut aus Trapezen zum Fächer wird, strecken ihre Körper in Zeitlupe auseinander oder drehen sich exzessiv um die eigene Achse, schlagen Purzelbäume oder vollführen Handstände. Die Akteure wechseln hin und her zwischen Tanz in Slow Motion, Beschleunigung, Hochgeschwindigkeit und Entschleunigung. Auch die Stimmungen schwanken zwischen Ruhe, Poesie, Melancholie, Spannung, Dramatik, Entspannung. Verstärkt werden Tempo und Atmosphäre durch elektronische Musik mal stampfen die Beats, so dass man sich in einem Club wähnt, mal erklingen dramatische Klänge wie in einem Thriller, mal schweben sphärische Melodien durch den Raum und man sieht sich durchs Weltall fliegen. Für meditative Momente sorgt auch immer wieder Tänzerin Miriam Gronau, wenn sie das Publikum mit Schlemmer-Zitaten konfrontiert, etwa: ,,Das Theater, die Welt des Scheins, gräbt sich selbst sein Grab, wenn es versucht, die Wirklichkeit zu kopieren." Doch das Theater der Klänge treibt sein künsteübergreifendes Bühnenwerk noch weiter: Die Choreografien erscheinen als Lichtbilder auf der Leinwand - abstrakte bunte, sich permanent verändernde Gemälde - wie von Geisterhand gemalt. Ein unvergesslicher BalIett-Rausch: sinnlich, fantasievoll, poetisch, kraftvoll – einfach überwältigend !
Thomas Frank
WZ
 
 
Das vergessene Ballett aus der Lackfabrik
Das "Theater der Klänge" bringt eine faszinierende Farb-Form-Perfomance auf die Bühne des FFT- Juta. Das Theater der Klänge hat bereits Erfahrung gesammelt mit Oskar Schlemmers choreografischen Entwürfen. Sechs Tänzer in schwarzen Kostümen wickeln, rollen und falten bunte Stofftüchern, wedeln mit ihnen durch die Luft als seinen es bunte Farbpinseln. Langsam entstehen erste Farbreflexe auf der Leinwand, wie zarte Nordlichter oder geisterhafte Schemen auf dunklem Hintergrund. Die elektronisch sensorierte Bühne macht´s möglich- sie setzt die Bewegung der Tänzer in bewegte Farbflächen um, wie ein digitaler Pinsel, und zaubert so ein zunehmend faszinierendes Spektakel auf die Leinwand. Die Kostüme der Figuren werden immer farbenfroher: bunte Punkte oder Flächen wie Farbfächer dominieren die Röcke, Brustschilder und Kopfbedeckungen. Krönung ist eine vollends bestückte Figur, die aussieht wie ein bunter Drache und sich fließend animalisch um sich selbst dreht. Schlemmers Thema war die menschliche Figur im Raum. In diesem neuen Lackballett findet es eine reizvolle Variante.
Marion Meyer
Rheinische Post
 
 
Auferstehung eines Phantoms
Eindrucksvoll: Das Theater der Klänge bringt zum 100. Geburtstag des Bauhauses das sagenumwobene "Lackballett" von Oskar Schlemmer auf die Bühne

Den 100. Geburtstag des Bauhauses nimmt das "Theater der Klänge" zum Anlass, Bühnenwerke der berühmten Kunst- und Architekturschule wiederzuerwecken. Regisseur und Musiker Jörg Udo Lensing widmet sich mit der neuesten Produktion einem Stück Oskar Schlemmers, dessen Aufführung 1941 zwar verbürgt ist, von dem aber allein sechs Skizzen zu Figurinen erhalten sind. Eine Wiederbelebung des sogenannten "Lackballetts" kommt also eher einer Auferstehung eines Phantoms nahe als einer Rekonstruktion.
Diesen Anspruch erheben Lensing und sein Team auch nicht, sondern ihnen geht es um eine eigenständige kreative Einbettung der von Christian Forsen nachgeschneiderten Figurinen in ein 65- minütiges Ballettspektakel, in dem neben dem Tanz auch Wort, Licht und Musik eine wichtige Rolle spielen. (…) Der getragenen, ruhigen musikalischen Kulisse passt die Choreografin Jacqueline Fischer eine bunte Folge unterschiedlich geformter Tanznummern an, wobei sie sich tief in das Reservoir tänzerischer Mittel vom Ausdruckstanz bis zu Break- Dance- Anleihen griff. Vielfältige Aufgaben, die dem sechsköpfigen Ensemble ein hohes Maß an Tänzerischer Flexibilität abverlangen, was die internationale Crew auch vorzüglich meistert. Insgesamt ist das Lackballett als weiterer Leistungsnachweis des Theaters der Klänge zu bewerten, was durch den begeisterten Beifall des Premierenpublikums bestätigt wurde.
Pedro Obiera
WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung
 
 
Das Lackballett des THEATERs DER KLÄNGE
Schlemmer wollte keine Maschinenkunst, er wollte die Proportionen, auch die Bewegungsmöglichkeiten des Menschen schon mit seiner Kunst zusammenbringen. Aber seine Figurinen sind so, dass sie die Bewegungen auch in gewisser Weiße vorgeben und sich in bestimmten Bewegungen ganz besonders schön entfalten. Es gibt z.B. in dieser Rekonstruktion eine Figur die hat um den Kopf, um den Hals und und um die Taille so lange bewegliche Streifen befestigt, die sich so aufflocken wie man das mit Geschenkpapier machen kann und die über den Kopf dieser Figur fallen, wenn sie sich bückt, man sieht einen Knoll im Licht von Farben, die sich immer anders darstellen, wenn sich der Mensch darin bewegt.

Das Theater der Klänge beschäftigt sich schon lange mit der Bauhauskunst. Die Choreografin Jacqueline Fischer bewegt sich in der Formensprache des German Dance und man fühlt sich durch den Klangteppich von J.U. Lensing zeitweise nach Fernost versetzt. Die Arbeit die das Theater der Klänge da macht, die sich ja schon seit 1987 mit dem Bauhaus und Oskar Schlemmer beschäftigt, finde ich sehr wichtig und interessant und sie ist natürlich auch überwältigend schön. Wenn sie sich vorstellen diese bunten, abstrakten phantasievollen Bilder, die sich da im Raum bewegen: Da gibt es richtige Farbexplosionen! Es ist auch ein sehr sinnliches Theatervergnügen.
Ulrike Gondorf
WDR3 Mosaik
 
 
Ein Feuerwerk aus Poesie, Sinnlichkeit und Dramatik
Am Ende des "Lackballetts" blieb ein letztes der sich immer hastiger und schneller entwickelnden digitalen Gemälde auf der Leinwand stehen. Es ließ den Rausch aus Farben und Formen noch einmal tief nachhallen. Die sechs Figurinen hatten sich final zu einer Art Reigen zusammengefunden und performten gemeinsam mit betörender, fantasievoller und farbenprächtiger Energie ihren letzten kraftvollen Tanz, mit dem sie den musikalischen und szenischen Bogen zur Ur-Version des Stücks schlugen.

Aus den zuvor abstrakten Tonfolgen schälten sich die Händel-Klänge heraus, die schon 1941 bei der bis dato einzigen Aufführung von Oskar Schlemmers Lackballett zu hören gewesen waren. Zu Beginn hatte dunkle Stille mit nur wenigen Farb-Akzenten die Szene beherrscht. Aus dem Knistern und Rascheln der von den Protagonisten mitgebrachten bunten Tücher entwickelte sich schließlich alles Weitere: Tanz, Skulptur, Musik, Malerei und Videokunst erzeugten gemeinsam eine gute Stunde atemlos machende Emotionen, die von angenehmer Harmonie bis zum schrillen Unbehagen reichten.

Tosender Beifall brach am Schluss im nahezu voll besetzten Pina-Bausch-Saal los: Jubelnd feierte das kunstaffine Publikum diese Hommage an den im Nazi-Regime verfemten Bauhaus-Künstler, der statt zu malen am Schluss seines Lebens in der Wuppertaler Farbenfabrik Herberts mit Lack experimentierte und zum 75. Firmenjubiläum seines Gönners dieses Ballett-Experiment kreiert hatte.

Dem Düsseldorfer Theater der Klänge gelang mit dieser Weiterentwicklung ein begeisterndes Bühnenwerk, das dem Zuschauer viel Konzentration abverlangte und ihn zugleich mit einem Feuerwerk aus Sinnlichkeit, Tempo, Atmosphäre, Poesie, Dramatik und Entspannung beschenkte. Die sechs Akteure als "Segel"-, "Fächer", "Scheiben"-, "Blüten"-, "Kugel"- und "Draht-Figurinen" wechselten zwischen Langsamkeit und Beschleunigung. Mal schienen sie träumend dahin zu schweben, mal fetzten sie zu munteren Beats über die Bühne.

Mal tanzten sie in der Gruppe, mal einzeln oder in immer wieder anderen Paar-Konstellationen. Farben und Formen wurden als Kugeln oder Scheiben zum Mode-Element und wie auf einem Laufsteg präsentiert: Hüte, Röcke, Halsketten und Umhänge entstanden und bekamen hinter den konsequent schwarz gekleideten Tänzern ein Eigenleben. Mit den modernen technischen Möglichkeiten der Videografie hatte Leiter und Regisseur Jörg Lensing zugleich auf Digitalisierung gesetzt und sorgte auf der überdimensionalen "Staffelei" im dunklen Bühnenraum für einen sich immer weiter entwickelnden Farben-Dschungel. Einerseits war er Kulisse für die Tänzer, andererseits schien er ein bizarres Eigenleben zu führen. Eine weitere Beamer-Projektion setzte außerdem immer wieder das reale Agieren der Tänzer in diesen optischen Teppich und machte die Protagonisten somit zu "Pinsel und Farbe" in diesem dynamischen Optik-Gespinst.

Aber auch gesprochenes Wort hatte seinen Platz im Stil-Mix der buchstäblich fantastischen Inszenierung: Tänzerin Miriam Gronau moderierte mit Schlemmer-Zitaten durch die 65 Minuten und gab somit Interpretationsrichtungen vor: "Das Theater, die Welt des Scheins, gräbt sich selbst sein Grab, wenn es versucht, die Wirklichkeit zu kopieren", war etwa ein Satz, der sich im weiteren Verlauf mit den Aktionen auf der Bühne vermischte.
Jutta Schreiber-Lenz
Solinger Tageblatt
 
 
Malende Tänzer
Das Theater der Klänge erinnert fantasievoll an Oskar Schlemmers "Lackballett"

1941 entwarf Oskar Schlemmer sechs Figurinen aus Draht, Stoffen, Farbe – und entwickelte das nur einmal aufgeführte "Lackballett". Das Theater der Klänge hat sich zu einem eigenen, multimedialen "Lackballett" inspirieren lassen. Die Inszenierung spiegelt das humorvoll sinnliche Experimentieren Schlemmers.

Zunächst sind es nur einfache Stoffbahnen in Pink, Grün, Blau, die schwarz gekleidete Tänzer mit sich führen. Tücher in leuchtenden Farben, eng um den Körper gewickelt oder wie Kostbarkeiten auf Händen getragen. Aber sobald die Akteure des Theaters der Klänge in ihrem "Lackballett" das leichte Gewebe in Bewegung versetzen, es entrollen, wedeln, bauschen, scheint es zu quellen, fließen, Schlieren zu ziehen. Und schon ist die Verbindung gezogen zu den Kunstharzlacken, mit denen Oskar Schlemmer in den Farbwerken Herberts 1941 experimentierte, sich als bildender Künstler neu erfand und schließlich sein "Lackballett" auf die Bühne brachte. Ein "Reigen in Lack" wie Schlemmer schrieb. Ein in wenigen Wochen realisiertes, nur knapp vier Minuten dauerndes Werk, einmalig aufgeführt in Wuppertal im Rahmen des Firmenjubiläums im Dezember 1941.

"Es wurde getanzt von sechs Damen der Betriebsgymnastikgruppe", sagte Jörg U. Lensing, künstlerischer Leiter des Theaters der Klänge, vor der Vorstellung im Theater der jungen Welt im Rahmen der euro-scene. Was für Heiterkeit im Publikum sorgte. Vor allem aber verdeutlicht der Hinweis, unter welchen Bedingungen der Bauhauskünstler Schlemmer 1941 arbeitete. Das Bauhaus war von den Nazis längst geschlossen, Schlemmer mit einem Malverbot belegt. Der Farbikant und Mäzen Kurt Herberts beschäftigte ihn und andere Künstler. Offiziell zur Erforschung der Lacke - inoffiziell ließ er den Künstlern freie Hand.

Hier wandte sich Schlemmer einem neuen Malstil zu und tauchte Materialien in Lacke, ließ Farbe fließen und den Zufall mitarbeiten. "Am Maltechnikum spielten sie wieder wie die Kinder", sagte Lensing vor der eure-scene über die von Herberts angestellten Künstler. Und das Spielerische ist auch der Ansatz Lensings bei der Realisation des "Lackballetts".

Die Choraografien von Jacqueline Fischer sind nicht als Rekonstruktion angelegt, sondern wollen in Lensings Inszenierung einen Zugang zu Schlemmers Arbeitsweise schaffen. Und das gelingt: Man darf sich die Bühne, in deren Hintergrund eine Leinwand steht, als Atelier vorstellen. Eine Kamera zeichnet in dem multidisziplinären Abend die Tänzer auf und projiziert digital verfremdete Farb- und Formspiele auf die Leinwand. Aus der Bewegung der sechs Akteure entsteht eine Art multimediale Malerei, die sich immer wieder selbst auslöscht und erneuert.

Die Tücher nehmen bald skulpturale Formen an, später schleichen sich weitere Requisiten in die Bewegungen, bunte Plättchen hier, da Silberkugeln, die zauberhaft über die Bühne rollen. Und aus den ins Spiel gebrachten Elementen formen sich - der Clou des Abends - allmählich die Kostüme, die menschlichen Figurinen. Symbolisch wird die spielerische Figuren-Entwicklung Schlemmers nachvollzogen. Bis ein harlekinartiges Wesen in einer Halskrause aus lackierten Platten auf der Bühne tanzt, eine Gestalt im Kugelkleid, eine Figur aus Draht und Licht oder eine Tänzerin sich dreht unter geschwungenen Farbflächen, die wie geblähte Minisgel wirken - oder aufgeplatzter Lack.

Die Kostüme haben Caterina Di Fiore und Christian Forsen auf Basis von Schlemmers Aquarell-Entwürfen und fünf erhaltenen Fotografien gebaut. Die Originale sind 1943 verbrannt.

Die eingängigen Choreografien zielen nicht auf eigenständigen Ausdruck, sondern darauf, die historischen Farbexperimente zu spiegeln und Requisiten zu entfalten, aus denen Kostüme erwachsen. Im Vordergrund steht letztendlich die Figur. Und alles läuft zu auf eine Hommage an das kurze Original, wenn sich die Figuren im Schreittanz zu Klängen von Händel ausstellen.

Gesprochene Abschnitte, Zitate Schlemmers, mögen zunächst wie Bruchstellen wirken. Letztlich tragen sie dazu bei, sich in den Geist hineinzuversetzen, in dem Schlemmer sein spätes Werk erarbeitete. Getragen von der Freude am Experiment.
Dimo Rieß
Leipziger Volkszeitung
 
 
Residenzfestspiele holen "Lackballett" nach Darmstadt
"Lackballett" ist eine späte Miniatur des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer. Düsseldorfer Theatermacher bereiten daraus einen faszinierenden Abend der Residenzfestspiele.

DARMSTADT - Um staunen zu können, muss man nicht alles verstehen. Im Gegenteil gehört zu Wunderwerken der Kunst ein kleines Geheimnis. Hier sitzt es, wie so oft, im kunstvoll programmierten Computer, der die Live-Bilder bunter Tänzer in bewegte Farb-Projektionen verwandelt, zusätzlich gesteuert von einer weiteren Kamera, die aus der Vogelperspektive die Gänge auf der Bühne einrechnet. So entsteht ein Bild, das in beständiger Veränderung sich immer neu überschreibt.

Klingt ausgetüftelt und ist es wohl auch. Das Ergebnis aber ist ein begeisterndes Zusammenspiel der Künste, ein Tanzkonzert mit Malerei, ein lebendes Gemälde mit impulsiven Tönen. "Action-Painting für die Bühne", versprach Regisseur und Komponist Jörg Udo Lensing, der ins Programm einführte gemeinsam mit Philipp Gutbrod, dem Direktor des Instituts Mathildenhöhe. Die ist ein passender Ort für das Gastspiel von Oskar Schlemmers "Lackballett" bei den Residenzfestspielen, immerhin hat die Zusammenarbeit von Handwerk, Gestaltung und Bühnenkunst im Darmstädter Jugendstil Tradition.

Aus dem Baukasten
der Farben und Formen

Man muss sich ja auch etwas einfallen lassen, um Schlemmers "Lackballett" für die Bühne neu zu beleben. Das Stück dauert gerade mal vier Minuten, von denen man wenig mehr kennt als die Kostüme der sechs Darsteller, die sich zu einer nicht näher bezeichneten Sarabande von Händel bewegt haben. Das war im Dezember des Kriegsjahres 1941, als in Deutschland noch Feste gefeiert wurden, in diesem Fall das Firmenjubiläum des Wuppertaler Farbenfabrikanten Herberts, der dem von den Nazis verfemten Schlemmer eine Anstellung gegeben hatte. Weil das Ensemble der Wuppertaler Bühnen keine Tänzer schickte, sprang die Betriebs-Gymnastikgruppe ein, und man darf sich die Einlage als ebenso feierlich wie heiter vorstellen. Die mit Kugeln behängten Figurine, so will es die Legende, musste von Schlemmer mehrfach mit Christbaumschmuck nachgerüstet werden.

Im "Lackballett"-Abend, den das Düsseldorfer "Theater der Klänge" zum Bauhaus-Jubiläum entwickelt hat, ist dieser gezirkelte Bauhaus-Reigen zu verfremdet gezupften Händel-Tönen die szenische Pointe. Zuvor scheint das Theater sich aus dem Baukasten der Farben und Formen selbst zu erfinden: vom Spiel der sechs Akteure mit Stoffbahnen über den ersten Auftritt der "Segelfigurine", die mit ihrem bunten Gewand sogar Rad schlagen kann, bis zur Deklamation von Schlemmers Idealen, die Miriam Gronau mit anmutigen Bewegungen und raffiniertem Kugelspiel verbindet; später wird sie als "Kugelnfigurine" einen verträumten Auftritt haben.

Eine "brausende Malerei, aus Farbe geboren" wünschte der Künstler, und Lensings Inszenierung greift diese Idee nicht nur fantasievoll auf, sondern findet gemeinsam mit der Choreografin Jacqueline Fischer zu kleinen szenischen Aktionen, die den Abend geschickt strukturieren. Manches schaut aus wie ein raffinierter Zaubertrick, und mit den bunten Punkten der späteren "Scheibenfigurine" kommt Fröhlichkeit ins Spiel, sanft angetrieben von einem Beatrhythmus der sehr originellen Komposition und optisch attraktiv als knallbunte Konfetti-Parade.

Mag sein, dass gerade die stilleren Passagen im Theater noch stärker wirken als auf der Open-Air-Bühne. Die Begeisterung bei den Residenzfestspielen war jedenfalls groß, auch deshalb, weil die spielerische Weiterentwicklung von Schlemmers Theaterideen einen sinnlichen Zauber entfaltet, der größer ist als bei der getreuen Rekonstruktion des Triadischen Balletts. Die Riesen-Staffelei als einzige Bühnenausstattung wird gefüllt von Farbspielen, die Bewegungen verlängern und doch nicht dauerhaft konservieren können. Und der einigermaßen originale Schlemmer-Tanz, dessen Idee den ganzen Abend künstlerisch vorangetrieben hat, ist nur ein augenzwinkernder Epilog am Ende.
Johannes Breckner
Main Spitze
 
 
Hinreißendes Bach-Biennale-Ende
Ein Nachmittag im Schießhaus bietet Balletterlebnis der Sonderklasse

Vorausgeschickt: ich war kein glühender Bauhausanhänger. Nicht nur wegen des verpatzten Weimarer Museumsneubaus. Dass sich dieses seit Sonntag bei mir partiell änderte lag am "Theater der Klänge" aus Düsseldorf. Doch der Reihe nach.
Es ist der rührigen Myriam Eichberger zu danken, dass es in Weimar eine Bach-Biennale gibt, welche sich im Kern dafür einsetzt, dass dieser temporäre Wohnort des genialen Komponisten endlich Würdigung und Anstammung erfährt. Das Konzept ist klar und stringent: Bach pur, gepaart mit sinnenfreudigen Genüssen. Keine elitäre Attitüde, aber Anspruch an die Künstler. Und partielle Ausblicke auf andere Genre, die Eines garantieren: Qualität. Das wird gut angenommen, sowohl von Touristen als auch von Einheimischen, die sich in dieser festivalüberfluteten Stadt nicht nur nach politischer Agitation oder unausgereiften Experimenten sehnen, sondern ambitionierte Schönheit suchen. Das soll ja nicht immer verwerflich sein, und biedermeierliches Denken ist dem Bach-Biennale Team sowieso fremd.

Folgerichtig gab es bei dem Abschlusskonzert einen Mix, der Bach zwar huldigte, aber nicht zentrierte. Zunächst spielte das vortreffliche junge Ensemble "amor:atum", geschmiedet von Hochschulabsolventen aus Köln, Leipzig, Jena, Frankfurt/M., Essen und Berlin unter Leitung von Gertrud Ohse eine furiose und entstaubte Fassung das 5. Brandenburgische Konzerts, welches durch Bernd Niedecken und Erika Rombaldoni und eine weitere Akteurin des "Theaters der Klänge" als Barocktanz interpretiert wurde. Die weiche Traversflöte (Pia Scheibe) und das virtuos perlende Cembalo (Julia Chmielewska-Ulrich) waren Schmaus für die Ohren, die komplizierten und perfekt choreografierten Tanzschritte im restlos gefüllten Schießhaus (auch Bürgermeister Peter Kleine ließ es sich nicht nehmen, die Veranstaltung zu genießen) die optisch hochwertige Entsprechung. Vor der Pause stellten sich dann vier Tänzer der Düsseldorfer Tanzgruppe der "Kunst der Fuge" mit elektronisch verfremdeten Klängen und einer animierten Leinwand. Fließende Strukturen, angedeutete Pas de deux und Konzentration auf die körperliche Bewegung deuteten schon eindrucksvoll die Intensität an, welche im zweiten Teil des späten Nachmittags folgen sollte.

Denn der geriet zu einer der besten, intelligentesten und multimedial überwältigenden Ballettproduktionen, die ich je gesehen habe (und ich bin da immer noch mit "La Fura dels Baus" oder Nacho Duato durchaus kunstfestverwöhnt). Das sechsköpfige Tänzerteam widmet sich mit dem "Lack-Ballett" einer Schaffensphase von Oskar Schlemmer, die weitestgehend unbekannt, eine weitere Facette dieses Künstlers zeigte.

Kurzer Exkurs: Oskar Schlemmer durfte nach der Machtergreifung durch die Nazis weder öffentlich lehren noch schaffen, da seine Kunst als "entartet" galt. Es ist dem Großindustriellen Dr. Kurt Herberts zu danken, dass er Schlemmer in seiner letzten Lebensphase mit seinem experimentellen Malstudio, das seiner Wuppertaler Lackfabrik zugeordnet war, unter seine finanziellen Fittiche nahm. (Damals förderten die gutsituierten Unternehmer eben noch Künstler statt Fußballer ...)

Schlemmer wiederum hatte dadurch die Möglichkeit, mit diesen Lacken Bilder zu schaffen, die von seiner sonst gegenständliche Malerei abwichen, und das Farbspektrum des Künstlers ebenso sinnlich wie abstrakt widerspiegelten. Zudem war Schlemmer dem Ballett zugeneigt, und sprengte schon damals mit seinem Bühnenschaffen die klassisch tradierte Form mit Elementen von Volkstanz, Archaik und bildender Kunst.

Das "Theater der Klänge" übersetzt seine Intentionen kongenial mit multimedialen Mitteln. Die schwarzgewandeten Tänzer agieren mit farbigen Tüchern, fächerartigen Objekten, Metallkugelkonstruktionen und sinnfälligen Überwurf-Kostümen. Diese werden durch einen Videokünstler durch unterschiedliche Übertragungen auf die Leinwand projiziert. Diese beständige Interaktion schafft punktgenau und sehr konzentriert Hintergründe, welche den Schlemmerbildern ähneln oder entsprechen. Durch die treibende, sich boleroartig steigernde elektronische Interpretation eines Stücks von Georg Friedrich Händel entsteht ein rhythmischer Sog und Farbrausch, der schließlich nach einer Stunde in einem faszinierenden, und sinnlich betörenden Schlussbild endet. Zwischendurch bringt eine Tänzerin durch Zitate Schlemmers sprachlich eingängig und einfallsreich, auch die Denkart des Malers in das Bühnengeschehen ein.

In vollendet choreografierten Abschnitten (Leitung: Kurt Lensing) entsteht so ein Panoptikum moderner Kunst, welches ebenso emotional wie genreübergreifend die freiheitliche Idee des Bauhauses nahebringt. Anders spekuliert: Wären Schlemmer die heutigen Medien zugänglich gewesen, hätte er sicher diese Form gefunden.

Zum Schluss Standing ovations und tosender Applaus in dem wunderbaren Ambiente des Schießhauses. Ein Höhepunkt im Veranstaltungsreigen der Stadt und eine Produktion, die Bauhaus-Ehrungen Weimars in einer Wiederholung sehr gut anstehen würde.

Bravissimo!
Matthias Huth
Facebook-Blog des Autors
 
 
GLÄNZENDE OBERFLÄCHEN
Inspiriert von Oskar Schlemmers letztem, etwas unbekannterem Bühnenwerk von 1941 stellen Jacqueline Fischer und Jörg U. Lensing einen Bühnenabend aus Farben, Formen und viel Video zusammen.

Das "Bauhaus-Jahr 2019" hat gerade erst begonnen, das Eröffnungsfestival zu "100 Jahre Bauhaus" wartet noch auf seinen Startschuss und schon ist in Düsseldorf die erste Auseinandersetzung mit Oskar Schlemmers choreografischem Werk zu sehen.

Das Theater der Klänge hat sich unter der choreografischen Leitung von Jacqueline Fischer und der musikalischen Leitung von Jörg U. Lensing einem der unbekannteren Werke des Künstlers gewidmet. 1941 entwarf Schlemmer für das 75-jährige Firmenjubiläum der Farbwerke Herberts in Wuppertal, die ihm in ihrem Labor beruflichen Unterschlupf vor den Nationalsozialisten gewährten, einen circa vierminütigen "Reigen in Lack". Sechs Frauen der firmeneigenen Gymnastikgruppe präsentierten bei dem Firmenfest Schlemmers aus Glaskugeln und lackierten Kartonstücken bestehende Figurinen zu einer Sarabande von Georg Friedrich Händel. Bis auf einige wenige Skizzen und gestellte Fotografien der Mitwirkenden ist das auch schon alles, was wir heute über dieses letzte Bühnenwerk Schlemmers wissen. Für eine Rekonstruktion sei das wohl zu wenig, befanden Fischer und Lensing und versuchten sich daher an einer zeitgenössischen Annäherung. Wie Schlemmers Ästhetik für heute übersetzen, war dabei die leitende Frage, die letztendlich zum Einsatz interaktiver Live-Videoszenografie und Live-Elektronik führte.

Und doch beginnt alles erst einmal ganz traditionell. Eine große weiße Staffelei füllt die hintere Bühnenwand aus, eine Reminiszenz an Schlemmers eigentliche Profession, die Malerei. Ganz in schwarz treten die sechs TänzerInnen der Kompanie auf und schwingen bunte Tücher. Weich fließen die Stoffe, deren Geräusche von der Live-Elektronik (J. U. Lensing) verstärkt werden. Nach und nach werden die Stoffbewegungen über movement tracking auf die Fläche der Staffelei übertragen und überlagern sich in digitalen Gemälden. Breiten zwei TänzerInnen dann ihre Stoffe als geometrisch angeordnete Farbflächen auf dem Boden aus, wird schon bald deutlich, dass hier ein künstlerischer Entwicklungsprozess nachgezeichnet werden soll. Ausgehend von den Farben, über eindimensionale Formen bilden die dreidimensionalen Kostüme schließlich den Endpunkt eines Schlemmer zugeschriebenen künstlerischen Arbeitsprozesses. Gewürzt wird diese Reise durch Zitate aus Schlemmers Briefen und Tagebüchern. Sind dann alle sechs Figurinen erdacht und konstruiert, bringt Jacqueline Fischer doch noch eine Art Rekonstruktion auf die Bühne, wenn sie ihre sechs TänzerInnen nach den verlangsamten Klängen einer Händel-Sarabande in barocken Formationen über die Bühne schweben lässt.

Das alles wirkt in seiner strikt durchgezogenen Prozesshaftigkeit ein bisschen konstruiert. Erinnern die Videoprojektion noch in Teilen an glänzendes Lack, sind die Bezüge zu dessen Ästhetik und Materialität in der Choreografie kaum vorhanden. So wird "Das Lackballett" des Theaters der Klänge vielleicht eher zu einem Statement über Kunst allgemein als eine Auseinandersetzung mit dem Bewegungsdenken Oskar Schlemmers.
Anja K. Arend
tanznetz.de
 
 
Rausch aus Farben und Klängen
"Lackballett" nach Oskar Schlemmer im Dortmunder Theater im Depot

Das freie Theater der Klänge aus Düsseldorf hat das Jubiläum "100 Jahre Bauhaus" zum Anlass genommen, um das "Lackballett" nach Fragmenten von Oskar Schlemmer auf die Bühne zu bringen. Dieses Werk ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit Farbe, Licht, Klang und Bewegung und zeichnet die Geschichte einer weitgehend unbekannten rheinisch-bergischen Arbeit des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer nach.

Im Eingangsbereich zum Theater im Depot in Dortmund herrscht dichtes Gedränge.

Schnell nach der von Publikum und Presse gefeierten Premiere des "Lackballett" sind die weiteren fünf Vorstellungen in Düsseldorf und Dortmund komplett ausverkauft. Auch Kuratoren von Tanzfestivals sind der Einladung gefolgt, sich die neue Arbeit anzuschauen. Die Bühne ist leer bis auf eine weiße Leinwand im Hintergrund. Die in schwarze Trikots gekleideten Tänzer kommen mit farbigen Taftstoffen auf die Bühne, breiten diese aus, wickeln sich darin ein oder formen mit dem Faltenwurf Figuren. "Lassen wir ihn glänzen und fließen, lassen wir ihn Formen bilden und Form werden, wozu ihn sein Wesen drängt, wozu ihn das Gesetz des Fließens zwingt! Greifen wir ein, um seinen Lauf zu lenken, so entsteht ein Neues aus ...
Bühnentechnische Rundschau - Ausgabe 2 / 2019
 
 
Farbe, Form, Bewegung
"Das Lackballett" vom Theater der Klänge im FFT-Juta in Düsseldorf

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus in Weimar gegründet. In die vielfachen feierlichen Aktivitäten im Jubiläumsjahr, die sich dieser bahnrechenden Institution widmen, reiht sich auch das Düsseldorfer Theater der Klänge ein. Verschiedentlich hat sich dieses Tanzensemble bereits mit Oskar Schlemmers Tanztheater beschäftigt, so z.B. mit dem "Triadischen Ballett". Nun hat es sich seines letzten Tanztheaterstückes, dem Lackballett, angenommen. Das Interesse war groß: alle Vorstellungen waren ausgebucht, ebenso wie die anberaumten Zusatzvorstellungen. Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung, die nicht enttäuscht wurde.


Oskar Schlemmer wurde während der Nazizeit verfemt und mit Berufsverbot belegt. Er fand, wie einige andere Künstler, Unterschlupf beim Farbfabrikanten Herberts in Wuppertal. Dort wurden sie als Lacktechniker beschäftigt und fertigten u.a. Lackbilder an. Anlässlich des 75. Firmenjubiläums schuf Oskar Schlemmer das "Lackballett" für 6 Figurinen: dem Bierdeckel-, Windmühlen-, Gitter-, Blumen-, Weihnachtskugel- und Drahtspiralmädchen. Das Stück wurde von Mitarbeiterinnen der Betriebssportgruppe ein einziges Mal am 6. Dezember 1941 im Concordiasaal in Wuppertal aufgeführt. Eine Rekonstruktion ist aufgrund des spärlich überlieferten Materials nicht möglich. Es existieren Fotos, einige choreographische und Kostümentwurfsskizzen, die Originalkostüme wurden im zweiten Weltkrieg zerstört.

Daher ist "Das Lackballett", das das Theater der Klänge kreiert hat, eher als eine freie Assoziation im Geiste Schlemmers zu verstehen, gewissermaßen als eine Hommage an ihn. Sie selbst benennen ihre Arbeit als "zeitgenössische elektronisch-interaktive Performanceform".

Eine riesige Leinwand auf einer Großstaffelei, auf dem mal die Lackbilder, mal durch die Bewegungen des Tänzers und der Tänzerinnen animierten Videobilder projiziert werden, bildet das Bühnenbild. Auf der dunklen Bühne präsentieren sich in kleinen Szenenabfolgen die Figurinen, hier als Segel-, Fächer-, Scheiben-, Blüten-, Kugeln- und Draht-Lichtfigurine benannt, einzeln, aber auch in Gruppen. Mit einfarbigen Tüchern werden verschiedene Choreografien gefunden: wehend, schwebend, reigenmäßig oder die Tücher werden gar zu origamihaften Skulpturen gefaltet. Die Figurine mit blütenförmigen Kostüm wird zum Drachen. Zwischendurch werden Texte von Schlemmer zitiert. Das in einem Brief Schlemmers erwähnte Tänzchen "Reigen im Lack", ursprünglich nach Musik von Händel, findet sich zum Abschluss als Menuett wieder. Nicht nur die bizarren Kostüme mit Punkten, Lackplättchen, Kugeln, - überwiegend in den Grundfarben Rot, Blau, Gelb, - bezaubern, sondern auch die anmutigen Bewegungen.

Das Theater der Klänge findet eine wunderbar moderne und stimmige Sprache. Zusammen mit der Musik und der Videoanimation schafft es wahrlich ein Gesamtkunstwerk. Ein Stück, das bezaubert und berauschend schön ist und entsprechend vom Publikum goutiert wurde.

Regie und Musik: J.U.Lensing
Choreografie: Jacqueline Fischer
Video: Yoann Trellu
Figurinenplastiken: Christian Forsen
Kostüme: Caterina Di Fiore
Lichtdesign: Markus Schramma
Interaktive Musiksoftware: Thomas Neuhaus
Künstlerisches Betriebsbüro: Miriam Pankarz

Tänzer & Tänzerinnen:
Miriam Gronau
Cheng-Cheng Hu
Tuan Li
Javier Ojeda Hernandez
Francesca Perrucci
Phaedra Pisimisi
Dagmar Kurtz
theaterkompass.de
 
 
Theater der Klänge: «Das Lackballett»
Als die Nationalsozialisten Oskar Schlemmer mit einem Berufsverbot belegten, bot ihm der Wuppertaler Unternehmer Kurt Herbert in seinen Farbwerken Schutz und Arbeit. Hier konnte der Choreograf unter den bildenden Bauhaus-Künstlern in einem Lacklabor mit anderen verfemten Kollegen die Verwendung neuer Kunstharzlacke erforschen. Und hier entstand kurz vor seinem Tod – im Geheimen – sein letztes Bühnenwerk, «Das Lackballett», anlässlich des 75-jährigen Firmenjubiläums. Es tanzte am 6. Dezember 1941: die Betriebsgymnastikgruppe! «Schlecht und recht», wie Schlemmer zur einzigen, dreiminütigen Aufführung anmerkte.

Das Düsseldorfer Theater der Klänge unter Leitung von Jörg U. Lensing hat die Figurinen im Bauhaus-Jahr wiederbelebt anhand minimaler Quellen – vier Farb-Aquarellentwürfe, fünf Fotografien und Briefe von Schlemmer – und ins digitale Zeitalter weitergedacht.

Die Theaterbühne als Labor: Mit großer Ruhe experimentieren die vier Tänzerinnen und zwei Tänzer mit Materialien und Farben, bis die sechs Figurinen nach einer knappen Stunde als strahlendes Ergebnis den «Reigen in Lack» interpretieren: «Das Lackballett» setzt einen knallbunten Punkt unter die Auseinandersetzung des ...
tanz - Februar 2019
 
 
"Lackballett" laßt die Bauhauszeit in Hagen aufleben
Das "Theater der Klänge" hat in der Stadthalle das "Lackballett" präsentiert. ein Beitrag zu "100 Jahre Bauhaus". 

Eine Dame in Rot erscheint und schreitet auf die Bühne. Alle Augen sind auf sie gerichtet, als sie beginnt… Was wie der Anfang eines spannungsgeladenen Thrillers klingt, ist in Wahrheit der Beginn des "Lackballetts", das am Dienstag zum ersten Mal in der Stadthalle aufgeführt wurde. Ebenso nervenaufreibend erscheint auch diese Inszenierung des "Theaters der Klänge" aus Düsseldorf, jedoch bietet sie noch viel mehr: Durch den Einsatz diverser Medien ergibt sich eine völlig neue, multimediale Komposition. Dabei wurde das Stück bereits 1941 zum ersten und einzigen Mal aufgeführt.

Oskar Schlemmer, der zu seiner Zeit als "entarteter" Künstler diffamiert wurde, baute innerhalb von einem Monat mit seinem Bruder Carl sechs Figurinen, die dreieinhalb Minuten lang das "Lackballett" tanzten. Anlässlich des 100- jährigen Bestehens des Bauhaus setzte sich das "Theater der Klänge" erneut mit Oskar Schlemmer auseinander und erschuf die bei einem Bombenanschlag zerstörten Figurinen anhand von grafischen Darstellungen und Briefen Schlemmers neu.

Zusammen mit der Neuchoreografie, der Musik und dem Videodesign des "Theaters der Klänge" wurde die Vorstellung auf etwa 65 Minuten erweitert.
In einem finalen Reigen werden die Material- und Farbinterpretationen rund um das Thema Lack noch einmal aufgegriffen und von den sechs Figurinen gemeinsam in skulpturalen Choreografien umgesetzt. Die fünf Akte sind mit Zitaten von Oskar Schlemmer durchsetzt: "Ich möchte eine brausende Malerei, aus Farbe geboren, aus Schatten und Licht, aus Strukturen und Gesetzen, die das Geheimnis bergen und immer wieder die innere Geschichte realisieren."
Und nachdem das Publikum zum besseren Verständnis mit dem notwendigen Vorwissen ausgestattet worden war, begann die Performance.

Nacheinander breiten die sechs Tänzer ihre Tücher und Formen aus und versetzen die Zuschauer in andächtige Stille. Plötzlich sind die Künstler selbst die Kunstwerke in ihren aufwendig gestalteten Kostümen und doch fungieren sie gleichzeitig als Pinsel und Farbe. Denn durch eine interaktive Live-Videoszenografie werden die Tänzer und ihre Kostüme auf die Leinwand im Hintergrund übertragen. Zunächst langsam und zart, wie Nordlichter, dann immer schneller und bunter breiten sich die Lichtreflexe im Hintergrund aus. 

Durch Experimentieren sowohl mit Bewegungen als auch mit den Farben und Formen der Kostüme und Requisiten ergibt sich auf der Staffelei ein sich immer neu übermalendes, abstraktes Kunstwerk.

Elektronische Klänge spiegeln die Vorgänge auf der ansonsten völlig leeren Bühne wider: mal als Rascheln und Rauschen, mal als sphärische Melodie. Farben vermischen sich, verschwimmen, ohne flüssig zu sein und mit ihnen die Grenzen zwischen den verschiedenen Künsten Bild, Tanz und Musik. Erst als alle Sinne bis zum äußersten mit Eindrücken überflutet wurden, endet die Performance und hinterlässt die anfänglich weiße, jetzt bunte Staffelei. Ein zeitgenössisches, einzigartiges Ballett.
Pia Löffelbein
Westfalenpost / WAZ
 
 
Lackballett in Herne: Wilder Tanz mit bunten Tüchern
In Herne ist das Lackballett nach Oskar Schlemmer aufgeführt worden. Im Mittelpunkt standen in den Flottmann-Hallen bunte Tücher und wilder Tanz.

Im Jahr 1941 schreibt Oskar Schlemmer in einem Brief an seine Frau vom passablen Erfolg seines Lackballetts bei Gästen und Kritikern. Der Brief ist eine der wenigen erhaltenen Aufzeichnungen des Künstlers, der das Logo des Bauhauses entwarf, über dieses Werk. Zum 100-jährigen Jubiläum der in Weimar gegründeten Kunstschule nimmt das Düsseldorfer Theater der Klänge die Herausforderung an und bringt das Stück nach seiner Uraufführung erstmalig zurück auf die Bühne. Am Freitag war es in den Flottmann-Hallen zu sehen.

Wie füllt man einen ganzen Abend mit lediglich dreieinhalb Minuten Tanz in bunten Kostümen? Das fragt Regisseur Jörg Lensing zu Beginn in die annähernd ausverkauften Besucherreihen und eröffnet so einen Blick in den Entstehungsprozess des Lackballetts.

Die Lösung findet sich in Oskar Schlemmers Idee von Kunst selbst, die im Idealfall aus sich heraus entstehe müsse, so wie seine mit Lack bestrichenen Leinwände, die er bei Wind und Wetter der Witterung aussetzte. Die Leinwand ist hier Projektionsfläche, die Lacke sind bunte Tücher, die im mal zärtlich, mal im wilden Tanz, gleich der Unberechenbarkeit der Natur, umhergeschwungen werden.

Eine Kamera nimmt die Bewegungen auf, und ein Computer interpretiert den Input als Gemälde. Die Farbpalette lehnt sich an Schlemmers Bilder an. So tritt durch den schwarzen Vorhang roter Samtstoff hervor, glatt an den Beinen der Tänzerin angelegt, an der Brust in ihren Fäusten gefasst. Sachte schwebt sie über die Bühne und lässt den Stoff zu ihren Füßen herabgleiten, zieht ihn vorüber an fünf weiteren Tüchern.

Auf der Leinwand beginnen, bunte Lichter zu pulsieren, durchzogen von einem immerwährenden Fluss aus Rot. Die Stoffe schlagen immer stärkere Wellen in einem chaotischen Durcheinander, das auch die Ohren der Zuschauer wie ein Sturm trifft. Lichter blitzen auf, als schaue man direkt in die Sonne. Das Ensemble malt dann im Rausch der eigenen Bewegungen eine Reihe von Bildern, gehüllt in immer bunter werdenden Farben und unterschiedlichster Stofflichkeit und erklärt die Kunst als unausrottbare Eigenschaft der Menschlichkeit.
Für einen Moment leben die Bilder und atmen durch ihre Erschaffer, deren verschwommene Details ihrer Gesichter hier und da für einen Moment sichtbar werden. Schließlich begleiten die Klänge eines metallenen Pianos aus dem Computer das Ballett, welches sich störrisch, wie ein gealtertes Uhrwerk bewegt und seinen Glanz eben doch durch seine Farbenpracht behält. Auf der Suche nach einem geeigneten Konzept, Oskar Schlemmers Grundsätze und Werke umzusetzen, bedient sich das Theater der Klänge bei moderner Technik sowie der Natur und schafft so eine experimentelle Formsprache, die schlussendlich das Bauhaus selbst zitiert.
Christian Steube
WAZ - Herne
 
 
Das Lackballett bekommt einen neuen Anstrich
Das Düsseldorfer,Theater der Klänge" nimmt die in NRW geplanten Aktivitäten zu 100 Jahren Bauhaus zum Anlass, Oskar Schlemmers ,,Lackballett" in neuer Interpretation
auf die Bühne zu bringen. Das passt insofern gut, als dass der Bauhaus-Künstler sein letztes Bühnenwerk just in diesem Bundesland aufführte. Allerdings nur ein einziges Mal am
6. Dezember 1941, nicht öffentlich, im Rahmen eines Festakts der Wuppertaler Farbwerke Herberts. Deren Inhaber Kurt Herberts hatte in seinem Haus während des Kriegs ein Refugium für verfemte Künstler wie Oskar Schlemmer geschaffen. Zur 75.Jahrfeier der Fabrik defilierten vor den geladenen Gästen schwarz gekleidete Gestalten in Reifröcken und mit skurrilen Kopfbedeckungen, die mit farbigen Stäben, Dreiecken und Kugeln dekoriert
und ausgeleuchtet waren.
,,Lackballett" nannte der aus Dessau vertriebene Schlemmer seine Arbeit, für die er mangels Tänzerinnen Büroangestellte der Firma rekrutiert hatte. Sie machten es ,,recht und schlecht", wie er danach etwas desillusioniert schrieb, doch,mehr wäre gar nicht möglich gewesen".
Die anwesenden Nazi-Vertreter wussten nicht, dass es sich bei dem Reigen um eine Nachschöpfung von Schlemmers "Triadischem Ballett" aus dem Jahr 1923 handelte.
Für Jörg Udo Lensing vom,,Theater der KIänge" bildet das Bauhaus-Iubiläum die passende Gelegenheit, Schlemmers Arbeit in zeitgenössischer Gestalt neu aufzuführen.
Hierbei geht es ihm vor allem um eine aktualisierte Material- und Farbinterpretation, da das Thema Lack heute andere Möglichkeiten bietet. Zum einen werden die fünf von Schlemmer entworfenen Figurinen der veränderten Sehweise angepasst. Außerdem wird die damalige,
nur wenige Minuten dauernde Choreografie für ein abendfüllendes Programm entwickelt. Eingebettet ist das neue Lackballett in eine interaktive Live-Videoszenografie
und interaktive live-elektronische Musik. Ziel der neuen Arbeit ist ein Brückenschlag von klassischer zur digitalen Moderne. Am Ende steht eine rund einstündige Farb- und
Formperformance, die am 10. Ianuar im JuTa ihre Premiere feiern wird. Der von Lensing so genannte, Farb-Klang-Rausch" wird Lackbilder mit Lackfigurinen kombinieren.
Lichtmalereien, die sich immer wieder neu formen oder übermalen und somit ständig anders erscheinen, verstärken im Einklang mit der Musik die Vielfalt der körperlichen
Darstellung. Von der Bauhaus-Relevanz seiner Arbeit ist man bei Lensing und seinem Team überzeugt:,,Durchaus im Geiste Oskar Schlemmers ist dies gleichermaßen eine zeitgenössische Kunstaktion wie ein Tanzkonzert."
Claus Clemens
RP
 
zurück
     
  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE