Die Neuberin
 
Das Düsseldorfer "Theater der Klänge" holt sie auf die Bühne zurück. In einem über dreistündigen multimedialen Bilderbogen ließ das freie Ensemble das Leben der Neuberin Revue passieren. (...) Kerstin Hörner meistert die Titelrolle bewundernswert wandlungsfähig. Regisseur Jörg U. Lensing, der mit Clemente Fernandez Texte und Musik bearbeitete, gibt den gönnerhaften Grafen angemessen jovial, Matthias Weiland Herrn Neuber und Herrn Reich-Ranicki (in einer winzigen Episode) mit Pfiff. Die Ironie: am besten unterhalten fühlte sich das Publikum von den virtuosen Commedia dell´arte-Harlekinaden von Clemente Fernandez als Neuberin-Gegenspieler Josef-Ferdinand Müller.
Theater pur, Essen
 
 
Das alles wäre eine fleißig und penibel erarbeitete Praxisstudie für Theaterwissenschafts-Oberseminaristen, hätte das "Theater der Klänge" nicht viel Energie auf diese Spielszenen verwandt. So gibt es pralles (Theater-) Leben, nicht zufällig fühlt man sich hier und da an Ariane Mnouchkines filmische Moliere-Hommage erinnert. Die drallen Hanswurstiaden des zeitgenössischen Volkstheaters sind dank teilweise hervorragender Schauspieler ebensowenig trockene Theorie, wie viele kleine Portraits, die Lensing/Fernandez in ihr Libretto eingestreut haben.
Kölner Stadt-Anzeiger
 
 
Bei dem Düsseldorfer Ensemble, allen voran Kertin Hörner als Neuberin, ist viel zu spüren von der Spiellust dieser frühen Schauspieltruppe. Regisseur Jörg U. Lensing macht die hohen Anforderungen, die ein Komödiant damals schon erfüllen mußte, durch eine Staffelung der szenischen und musikalischen Mittel transparent.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
 
 
Jörg Lensing (auch Regie) und Fernandez haben das hervorragende Textbuch in alter, metaphorischer Sprache verfaßt. Gesang und sensibles Spiel des Cellisten Tobias Schlierf fügen sich prägnant ein.
Westdeutsche Zeitung
 
 
Ihre authentische Geschichte lieferte die Vorlage für ein wuchtiges Theater-Ereignis, das jetzt im Düsseldorfer Tanzhaus Premiere hatte. In einem dreieinhalbstündigen Marathon werden die Stationen eines sehr modern anmutenden Kampfes um Kunst und Karriere, Beruf und Berufung nachgespielt. Triumph und Scheitern dieser außergewöhnlichen Frau (1697-1760) werden wie in einem barocken Welttheater beschworen, pathetisch und sinnlich zugleich. In inhaltsschweren Dialogen wird der historische Umbruch vom Volkstheater auf den Märkten und Straßen zum institutionalisierten höfischen und bürgerlichen Theater thematisiert. Angesprochen wird damit auch der Zwiespalt zwischen der Bühne die sich als moralische Lehranstalt versteht, und derjenigen, die sinnenfroher Massenunterhaltung dient. Der Bezug auf die heute mit den Theatern konkurrierenden Musical- und Kinopaläste ist offensichtlich. Im Text der Ensemblemitglieder Jörg U. Lensing und Clemente Fernandez mischt sich barocker Wohlklang sperrig mit Alltagssprache. Das Unterfangen soll eine Reflexion des eigenen Tuns sein, soll den empfundenen Zwiespalt in der Schwebe halten. So will "Die Neuberin" keine reine Unterhaltung sein - und unterhält auch nicht. Das Drama will ausdrücklich kein Lehrstück sein - und setzt auch alles daran, kein Seminar in deutscher Theatergeschichte zu werden. Prächtige Kostüme (entworfen von Caterina Di Fiore), Ausdruckstanz (Jacqueline Fischer choreografierte für sich und ihren Partner kurze widerspenstige Zwischenstücke), Video-Projektionen, aufwendige Lichtführung und viele barocke Musik-Einspielungen ergänzen, kommentieren, skandieren das Geschehen auf der weiten Bühne. (...)
Rheinische Post
 
 
Jörg U. Lensing, der Leiter des Düsseldorfer Theater der Klänge hat der Titelfigur seines jüngsten Stücks "Die Neuberin" mit dem Untertitel "Die Passion einer deutschen Prinzipalin" einen schönen Spruch in den Mund gelegt: "Neue Wege findet man nicht durch Rückwärtsschauen". Für Lensings Theater gilt dieser Spruch freilich nur sehr bedingt. In den zwölf Jahren seit seiner Gründung hat das Theater der Klänge fast immer nur retrospektiv gearbeitet. Es hat "Die barocke Maskenbühne" wiederauferstehen lassen, ist mit einem "LUDUS DANIELIS" ins Mittelalter zurückgetaucht, hat der deutschen November-Revolution von 1918 nachgespürt und gleich mehrfach Tanzstücke des Bauhaus rekonstruiert. Auch Lensings "Neuberin" (...) ist in mehrfacher Hinsicht eine Rückschau. (...) Das Stück ist reich an bedenkenswerten ästhetischen Sentenzen und historischen Parallelen, zieht aber nie die Konsequenz aus ihnen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
 
 
Das Theater der Klänge hat aus dieser theaterhistorischen Möglichkeit einen spannenden, hoch komplexen gut dreistündigen Abend gemacht. (...) Auf den ersten Blick scheinen in der "Neuberin" Tanz, Videoproduktionen, Spielszenen und Musik auseinanderzufallen. Doch dem Werk liegt ein sehr genau durchkomponierter inhaltlicher Formplan zugrunde. Zusammengehalten durch die Abfolge der Monate eines Jahres verweist das Zyklische darauf, daß es sich um kein Einzelschicksal gehandelt hat. Immer wieder werden Texte und Situationen variiert wiederholt. (...) Lensings Text ist wie eine Partitur.
Die deutsche Bühne
 
 
Aufmüpfige Tochter mit " ungesunder Lust" an der Kunst
Das Düsseldorfer "Theater der Klänge" zeigt am heutigen Sonntag seine multimediale Bilderfolge
"Die Neuberin -Die Passion einer deutschen Prinzipalin" zum letzten mal im "Tanzhaus NRW die Werktstatt". Weitere Aufführungen der aufwendigen, fast vierstündigen "Theatergeschichte" um die aufmüpfige, aufgeklärte Schauspielerin und Theaterleiterin des 18. Jahrhunderts sind bisher vorgesehen im Essener Satiricon Theater am 29, und 30. Januar, in den Freien Kammerspielen Köln vom 5. bis 7. Februar und im März oder April im Schauspielhaus Düsseldorf.
Die freie Gruppe gehört – wie die Neuberin - zu den Idealisten ihrer Zunft und läßt sich ihre Formulierung eines elften Gebots ostentativ auf der Zunge zergehen: "Ehret die Künstler!" Das schleuderte die aufmüpfige Tochter eines Zwickauer Notars ihrem Tyrannischen Vater (angeblich) ins Gesicht, als er wieder einmal über ihre "ungesunde Lust an künstlerischem Gehabe" maulte. Er hielt sie wie in einem Gefängnis, brachte ihr Latein und Französisch bei - aber nur für den Hausgebrauch. Denn Frauen hätten auf der Universität so wenig verloren wie Pferde in der Kirche.Kein Wunder, daß Friederike Caroline sich mit ihrem heimlich Verlobten Johann Neuber aus dem Staub machte - und natürlich zum Theater ging. Sie wurde eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen des 18, Jahrhunderts und schrieb als Reformerin ein Kapitel Theatergeschichte, das leider tragisch endete; 1860 starb sie verarmt und geächtet. Ihre Mühen, statt ordinärer Possen literarisch ertvolle Stücke ins deutsche Theater zu holen, blieben auf der Strecke. Den Hanswurst hatte sie zwar 1737 demonstrativ von der Bühne verbannt - aber er ist einfach nicht tot zu kriegen. Bei der Düsseldorfer Premiere der "Neuberin" applaudierte das Publikum den virtuosen Harlekinaden von Clemente Fernandez am meisten. Kerstin Hörner meistert die Titelrolle bewunderswert wandlungsfähig. Regisseur Jörg U. Lensing, der mit Clemente Fernandez Texte und Musik bearbeitete, gibt den gönnerhaften Grafen angemessen jovial, Matthias Weiland Herrn Neuber und Herrn Reich-Ranicki (in einer winzigen Episode) mit Piff. Das "Theater der Klänge" hat ein Bombenthema von brisanter Aktualität entdeckt - aber leider mit viel Mühe und Selbstverliebtheit schulmeisterlich zerredet durch endlose Lektionen in Schauspielkunst und Theatergeschichte, Tanzeinlagen und Cello-Etüden, Bessere Stücke braucht das deutsche Theater, Wohl wahr – damals wie heute.
Welt am Sonntag
 
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  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE