Die mechanische Bauhausbühne
 
Eiskalte Schönheit
Gibt es das: eine Neuheit, die bereits ihren sechzigsten Geburtstag hinter sich hat und noch immer auf ihre Premiere wartet? Die Erstaufführung der "Mechanischen Bauhausbühne" durch das Theater der Klänge im Juta ist ein solches Unternehmen. Laszlo Moholy Nagys "mechanische Exzentrik" und Kurt Schmidts "mechanisches Ballett" entstanden in den Zwanziger Jahren am Bauhaus in Weimar.
Die Utopie des Totaltheaters strebt das Musik- und Tanzensemble an. Farbe, Form, Musik und Bewegung vereinigen sich auf der Bühne, ohne daß noch Schauspieler präsent sein müßten. In Nagys "mechanischer Exzentrik" entstehen Bilder von eiskalter Schönheit. Zu Minimalmusik wird Pfeilen, Kreisen, Gerätschaften Leben eingehaucht. Diaprojektionen setzen irritierende Räume einer Automatenwelt, die menschliche Handlungen als seelenlose Zeichen wiedergibt. Avangardistisches Marionettentheater, dessen perfekte Darbietung auch ohne filmische Zitate ausgekommen wäre.
Die Figurinnen in Kurt Schmidts "mechanischem Ballett" heißen Windmühle oder Lokomotive. Die Tänzer, die hinter den Fabelwesen stecken, führen dennoch die alten Rituale der Annäherung, der Liebe, des Herrschens und des Buckelns auf. Handlung gibt es keine, man beschränkt sich darauf, erstarrte Gesten und oftmals formalisierte Körpersprache als leer und beliebig zu entlarven.
Am Ende steht ein geglücktes Experiment, das dem Theater, seine Grenzen wie in einem Spiegel vorhält. Das Aufzeigen typischer Haltungen und Begegnungen ist gleichwohl noch weit entfernt von der Bühnenkunst des ,.Armen Theaters", dem man sich nun zuwenden will.
Harald Hordych
Westdeutsche Zeitung
 
 
Rotes Recheck im Rampenlicht
Zarte Xylophonklänge schweben im Raum.
Vorsichtig schiebt sich ein rotes Rechteck ins Rampenlicht. Ihm folgt ein Gelbes, wie ein Signal. Das Klavier mischt sich ein, gibt gemeinsam mit dem Schlagzeug Rhythmus und Ton an. Die Bratsche setzt Akzente, und jetzt tanzt sie in ihrer ganzen kompositorischen Schönheit: Die "Windmühle" aus farbenfrohen, abstrakten Holzelementen. .Endlich! Die Bauhaus-Bühne der Zwanziger Jahre ist zu neuem Leben erweckt!
Das frischgegründete "Theater der Klänge" hatte mit Kurt Schmidts "Mechanischem Ballett" und Laszlo Moholy-Nagys "Mechanischer Exzentrik" auf der Bühne des Jungen Theaters in der Altstadt (JuTa) Premiere: Witzig, spritzig, liebevoll rekonstruiert und perfekt choreographiert.
"Die bequemen Sehgewohnheiten galt es allerdings an der Garderobe abzugeben. Formen, Farben, Licht und Schatten, Bewegung und Töne – metallisch bis klassisch harmonisch – spielen hier die Hauptrolle. Raffiniert bauen die Musiker Spannung auf und ruckig, zuckig, auch zögernd bewegen sich Maschinenwesen und Lokomotive aufeinander zu, geführt von schwarz vermummten Tänzern.
Flächig und doch verblüffend plastisch - dank der am menschlichen Körper hintereinander geschichteten Farbplatten - setzten sich die Figuren zu immer neuen Bildern zusammen. Als hätte er den Breakdance der Achtziger schon vorweggenommen, bewegte sich der schwarz-weiß graue Bauhaus-"Tänzer". Für allgemeine Heiterkeit sorgte dagegen Kurt Schmidts "Kleiner" des mechanischen Balletts. Als einfachste Form flitzte er in Rot-Weiß mit schwarzen Ärmchen pfiffig über die Bühne. Hier hat die Mechanik rein künstlerische Funktion und fasziniert mit eigensinnigen Reizen für Auge und Ohr.
Mit einer kurzen aber köstlichen Einlage als menschliche Maschine weckte Conferencier JörgLensing (Leiter der-jungen Gruppe) Neugierde auf Laszlo ,Moholy-Nagys , "Mechanische Exzentrik"."Radikaler noch als Schmidt, versuchte er die Prinzipien des Bauhauses auf der Bühne umzusetzten , wollte gar ganz auf menschliche Mimen verzichten. Was sich dann,hinter dem Vorhang auftat, war ein abenteuerliches Kabinett der Überraschungen. Die geheimnisvollen schwarzen Tänzer wurden jetzt zu unsichtbaren Drahtziehern. Geometrische Formen wie Kreis, Dreieck und Rechteck schwebten herab, wuchsen aus dem Boden, pendelten hin und her. Und während sich schwedische Gardinen wie ein Raster vor verrückte Apparate schoben, flimmerte im Hintergrund auf einer Leinwand die "Dynamik der Großstadt" im hektischen Zeitraffer. )
ULRIKE MERTEN
Neue Rhein Zeitung
 
 
Theater der Klänge
Es scheint das Verdienst der geschmähten kulturlosen 80er Jahre zu sein, das richtig wiederzuentdecken, was die braunen Barbaren 1933 im Keim erstickten. Die Kunst der Zwischenkriegszeit ist en vogue, allem voran die Ästhetik des Bauhauses. Fühlen wir uns ins Jena des Jahres 1923 zurückversetzt. Der Conferencier (Jörg Lensing) kündigt die Aufführung des "mechanischen Ballett" von Bauhäusler Kurt Schmidt an. Das "Theater der Klänge" hat sich mit Erfolg an die schwierige Aufgabe herangewagt. die "Mechanische Bauhausbühne" zu präsentieren: Kurt Schmidts Ballett sowie die "mechanische Exzentrik" von, Laszlo Moholy-Nagy aus dem Jahre 1924/25 auf die Bühne zu bringen. Letztere Produktion lag bisher nur als Entwurf vor (Inszenierung: Jörg Lensing). Intensive Recherchen, Besuche bei den "Nachfolgern" des Bauhauses in Weimar und Dessau; ja sogar ein Gespräch mit Kurt Schmidt selbst (der in Gera lebt) gingen der Premiere voraus. Es ist fast ein "historisches Verdienst" dieser Theatergruppe, heutigem Publikum die Ideen von damals (die den Zuschauern von 1923revolutionär' erscheinen mußten) als Erlebnis vorzustellen.
Eindrucksvoll ist vor allem die Musik (Hanno Spelsberg) zum "mechanischen Ballett". Hanno Spelsberg selbst (Klavier), Axel Heinrich (Schlagzeug) und Gesine Böllnitz (Bratsche) lassen die Aufführung auch zum akustischen Genuß werden. Die Besetzung der anderen Rollen - die Windmühle,. Das Maschinenwesen, die Lokomotive (Claudia Auerbach, Laura Wissing, Christina Numa), variiert durch den Tänzer (Tanja Nie)und einen "Kleinen" (Rainer Behr) - tut ein Übriges.
Die Musik vermischt Jazz-Elemente und volkstümliche Rhythmen der Zeit, immer auch unter dem Aspekt, daß ja eigentlich nicht Menschen auf der Bühne stehen, sondern Figurinen. Abstrakte Bilder werden lebendig, Farben und Formen verbinden sich zu den verschiedensten Eindrücken. Die Bewegungen sind maschinell, dabei auch witzig, fröhlich und platzend vor technischem Optimismus . Das"Mechanische Ballett" wurde "aus dem Gefühl geschaffen, daß technische Formen der vom Menschen geschaffenen zusätzlichen Organe schön sind wie die Naturformen"- so Kurt Schmidt 1961 in der Rückschau auf sein Werk, das er 22jährig schuf.
Viel weniger gefällig für Auge und Ohr, eher den Verstand ansprechend, ist die "mechanische Exzentrik" von. Laszlo Moholy-Nagy. Der Mensch, der hinter den Mechanismen Schmidts noch erahnt werden konnte, ist hier ganz verbannt. Die Bühne wird zum bewegten Bild, zur sich selbst zelebrierenden Technik. Da schweben phosphorisierende Pfeile und Balken durch das Bild, Jalousien geben Blicke frei und verschließen sich Wieder,einzig ein Clown mokiert sich über die Automatik. Das Menschliche ist auf "Menschmechanik" (Rainer Behr) reduziert.
Im Bild läuft ein Film: "Dynamik der Groß-Stadt", entstanden 1921 bis 1922 als Skizze. Dada und Futurismus treffen sich hier, doch einige Bilder der Massen von Soldaten, in Reih,und Glied aufgestellt, trüben den Optimismus. Der Zuschauer weiß ja leider, was danach kam.
Begeisterter Applaus für das Theater der Klänge.
Andre Wittjohann
Rheinische Post
 
 
Streng gezirkelt
Idealismus und intelligente Eigeninitiative sind die Tugenden des jungen Düsseldorfer Ensembles "Theater der Klänge". Wenn dazu die überzeugende künstlerische Leistung kommt - wie beim Auftritt mit der nachgebauten mechanischen "Bauhausbühne" in der Musikhochschule - darf man von einer Idealkonstellation sprechen. Das Bauhaus. (1919-33), in dem Walter Gropius führende Vertreter von Kunst und Architektur sammelte, ist geistiger Drehpunkt der 16 jungen Theaterleute (Tänzer, Musiker, Bühnenbildner, Choreographen usw.).
Kurt Schmidt mit seinem ..Mechanischen Ballett" (1923) gehörte damals mit zu den ..Matadoren des roten Quadrats und des blauen Kreises", jenen Konstruktivisten für die geometrischen Formen schön sind wie Naturformen . Fünf Tänzer, deren Leiber hinter farbigen geometrischen Attrappen verborgen sind (die schweren Formflächen werden rechts seitlich durch Riemen an den Körper geschnallt), durchmessen in streng abgezirkelten Bewegungsabläufen den kastenartigen Bühnen-Rraum. Das Düsseldorfer Ensemble – Ihm lag nur ein Bild der Erstaufführung vor - hat sich die quasi mechanischen Bewegungsabläufe völlig neu (und großartig) erarbeitet und sie gehörig mit pantomimischem Witz durchsetzt. Da macht die "Windmühle" der ..Lokomotive" mit zahllos wiederholten Verbeugungen seine Honneurs. Da wirbelt ein "Kleiner" herum oder verschmelzen in inniger Umarmung zwei Figuren zu einem Ganzen. Die gar nicht mal so abstrakten Bewegungen sind fein ausgeführt, die Choreographie wirkt pfiffig. Die Musik (Klavier, Schlagzeug, Posaune), die als Teil dieses "Gesamtkunstwerkes" eine konstituierende Rolle spielt, stammt von Hanno SpeIsberg und erinnert mit ihren ostinaten Konstruktionen an Antheil und Honegger.
In der ..Mechanischen Exzentrik" (1924) von Laszlo Moholy- Nagy kommt die Musik (zum Beispiel Glockenklänge ) vom Band. Der Bühnenkasten verwandelt sich in eine Trickkiste, in der es vielerlei Arten von Bewegung gibt. Da schweben Pfeile und Balken umher, dreht sich, wie auf Zuruf der Musik, ein farbiges Rädchen oder schießt eine Sofortbildkamera ein blitzlichternes Foto und läuft ein Film ab. Eine Multimedia Show, ein abstraktes Bild von Bewegung? Den ..Drahtziehern" hinter der Bühne, dem Komponisten und Inszenator (für U. Lensing) und allen Mitwirkenden gebührt für ihren Einsatz und das stimmige Resultat ein Kompliment. Sie haben die Kulturlandschaft mit einem unverwechselbaren Farbtupfer bereichert.
EB
Kölner Stadtanzeiger
 
 
Erst der Einsatz modernster Bühnentechnik machte in unseren Tagen eine Realisierung der komplizierten Partitur und damit die Düsseldorfer Premiere des "Theater der Klänge" möglich. Mag eine derart "technokratische Kunst" auch zunächst befremdlich und ungewohnt wirken, ihrer unmittelbaren Faszination kann man sich dennoch nur schwer entziehen. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst der jungen Theatermacher, deren Interpretationen nicht nur von einem beeindruckenden Perfektionsgrad, sondern auch von übergreifender Lebendigkeit und Spielfreude geprägt sind.
Der Treff (Weimar/DDR)
 
 
Eine musikalische Reise ins kalte Herz der Moderne
Von klarer Präzision dagegen die beiden Programme der "mechanischen Bauhausbühne". Sie erneuerten die Utopie des Bauhaus-Theaters aus den zwanziger Jahren, durch eine Mechanisierung der Bühnenhandlung, ein "Totaltheater" zu erreichen. "Das mechanische Ballett", entworfen von dem Schlemmer-Kollegen Kurt Schmidt mit einer Musik von H. H. Stuckenschmidt, geriet zu einer Symphonie abstrakter Formbilder. Entfernt an Menschen erinnernde farbige geometrische Figurationen illustrierten in ihrer perfekten Choreographie die Bauhaus-These, daß künstlich geschaffene Formen schön wie Naturformen sein können. Eine Steigerung erfuhr dieser Gedanke noch durch "Die mechanische Exzentrik", ein bisher Theorie gebliebenes Theaterprojekt des ehemaligen Bauhauslehrers Laszlo Moholy- Nagy. Erst in der Computerkultur unserer Tage sind die technischen Voraussetzungen gegeben, um die dynamische Konzentration von Form, Bewegung, Ton und Licht auf der Bühne zu realisieren. Heraus kam eine elektronische Hexenküche, in der die Geister, die man rief - alltägliche Dinge und Gebrauchsgegenstände , ein infernalisches Eigenleben zu führen begannen. Erst am Schluß erschien eine Tänzerfigur im mechanischen Geschehen: der Clown als lebendiges Gegenbeispiel der Abstraktion. Diese Aufführungen des in Düsseldorf frei arbeitenden "Theaters der Klänge" galten als historische Vergewisserung ihres eigenen Experimentieranspruchs.
Peter Kemper
Frankfurter Allgemeine
 
 
Magische Bilderflut der Objekte
Der Hauptteil des Abends freilich entschädigte voll. Das junge Theater der Klänge aus Düsseldorf hat mit seiner ersten Produktion gleich den großen Coup gelandet. Seine. Bemühungen blieben nicht in der Absicht stecken, sondern gerieten zum Triumph von Phantasie, Könnerschaft und Präzision. Man hat gegraben und ist fündig geworden, hat sich Vergangenem gewidmet und damit beeindruckend Zeitgemäßes zu Tage gefördert. Auf dem Programm standen zwei Bauhausstücke, "Das mechanische Ballett" von Kurt Schmidt aus dem Jahre 1923 und "Die mechanische Exzentrik" von Laszlo Moholy-Nagy, entstanden nach Thesen zum Theater und Skizzen zum Filmprojekt "Dynamik der Groß-Stadt" aus der Zeit zwischen 1921und 1924. Beide Stücke leitet ein Conferencier ein, nach Art des Entertainers, wobei besonders sein zweiter Auftritt begeistert, ein gestisch reich untermaltes Lautgedicht, welches plastisch alle möglichen Bühnenaktionen erläutert.
Die Bauhausbühne wollte weg von der "Propaganda", wollte nicht mehr erzählen, sondern ein Theater der Formen, des Lichts, der Bewegung und des Klanges auf der kubischen Bühne. Die neuzeitliche Technik hatte mit den Bauhauskünstlern, inspiriert von den russischen Futuristen, bisweilen allerdings nur gedanklich die Bühne erobert. Mensch und Objekt sind austauschbar, kommt es doch nicht auf Ausdruck oder Gefühl an, sondern auf die reine Gestalt. Kurt Schmidt, 1901 geboren und heute in Gera lebend, band seinen Tänzern farbige Schablonen um, Balken und eckige Puzzleteile, ausfahrende Greifarme, gezackte Parallelogramme.
Langsam schieben sich Farbecke. Aus den schwarzen Bühnengassen, bis die ganze Figur sichtbar wird, wandelnde Skulpturen, die miteinander in Kommunikation treten, und zwar derart, daß man den Menschen hinter dem Objekt völlig vergißt. Die Objekte entwickeln ihr Eigenleben, suggerieren in ihren Verzahnungen und Fluchten, ihren Hüpftänzen und ausbalancierten Verschiebungen Gefühlsregungen wie Liebe, Haß, spielen Annäherung und Abweisung, Gleichgültigkeit und Anteilnahme. Es ist die Kombination von Farben der fünf verschiedenen mobilen Objekte, die unterschiedliche Stimmungen auslöst. Da sind drei Gestalten in "warmen" Farben, in Blau und Rot und Orange und Grün, da ist die "kalte" Grau-schwarz-weiße und ein niedlicher Zwerg in Weiß und Rosa. Die Musik von Hanno Spelsberg für Schlagzeug, Klavier und Posaune gibt ihnen charakteristische Motive und den Rhythmus kongenial vor: dennoch vor allem ein Fest fürs Auge.
Die Augen haben noch mehr zu tun bei Moholy-Nagys "Mechanischer Exzentrik", die niemals aufgeführt wurde und nun von Regisseur Jörg Lensing (er schrieb auch die sirrende, klopfende, explodierende Musik) und der Choreographin Malou Airodo (sie war einst Mitglied von Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater) sowie virtuosen Technikern und zwei hochkonzentrierten Darstellern neu erfunden wurde. Verschiedene Elemente sind in Schichtungen verknüpft. Über einem Rollo tanzen die farbigen Pfeile, hinter den halbgeöffneten Lamellen zischen technische Apparate, rotiert ein Lichtkreis; dahinter wiederum läuft auf einer Leinwand links oben eine Filmcollage ab: durch Stoffraster schieben sich bunte Balken; davor rollen, von unsichtbarer Hand gelenkt, Räder. Sind die Naben rot, blau oder gelb? Die wechselnde Beleuchtung zaubert Illusionen, zwei Kegelhälften tanzen einen Pas de deux.
Im unendlich variablen Spiel der Objekte irritiert allein der Film. Von Moholy- Nagy war er allein als photographisch-visuelles Element gedacht. In d.er Version der Düsseldorfer verführt er zur Interpretation. Gnadenlos rollen Bilder unserer Zivilisation ab, Bilder von Autobahnen, Bahnhöfen, Schlachthausszenen, Atomexplosionen. "Die mechanische Exzentrik" wird so als Apokalypse begriffen, obgleich doch das Hauptaugenmerk der steten Dynamik der, einzelnen Elemente und ihrer ,Beziehung zu Raum und Zeit gelten sollte. Dieses unfreiwillige, gewohnheitsmäßige Interpretieren hört freilich auf, wenn zwei Menschen ins Spiel kommen, ein Mann in Gestalt einer mechanischen Puppe, welcher recht aussichtslos gegen ein Rad kämpft, eine garconhafte Frau, welche stehend und liegend die Rotation von Maschinenteilen imitiert.
Diese beiden Menschen, sie haben in der "Mechanischen Exzentrik" tatsächlich keine andere Funktion als die Objekte. Technik und Mensch sind Ingredienzien einer magischen Bilderflut, die immer aufs neue Spannung erzeugt. Benommen taucht man schließlich aus diesem Sog bewegter Bilder wieder auf, aber auch reicher um das Erlebnis wundersam in Bewegung gesetzter Phantasien.
Eva Elisabeth
Süddeutsche Zeitung
 
 
Die Seele der Maschine ist der Mensch
Haben Maschinen eine Seele? Wer das Gastspiel des Düsseldorfer Theaters der Klänge im neuen Theater gesehen hat, ist versucht zu sagen: Ja. Gezeigt wurden zwei Experimente, die in den zwanziger Jahren am Bauhaus entstanden sind. Wie die Architekten bemühten sich auch die "Theatermacher" am Bauhaus, Kunst und Technik in eine Einheit zu zwingen. Nur mit weniger Erfolg. Während "Das mechanische Ballett" von Kurt Schmidt 1923 wenigstens seine Uraufführung erlebte, blieb Moholy-Nagys 1924 entworfene Partiturskizze "Die mechanische Exzentrik" bis 1987 unrealisiert.
Daß die Stücke nicht gespielt wurden, hängt damit zusammen, daß die Bauhäusler sehr verkopfte Menschen waren. Sie konzipierten abstrakte Theater-Partituren, nach denen die Abläufe einer perfektionierten Bühnenmaschinerie zur eigentlichen Theaterhandlung werden sollten. Die Düsseldorfer hingegen sind ganz unkomplizierte Menschen. Sie haben die Sprache der Maschinen erlernt und ihnen dann einfach das Theaterspielen beigebracht.
Ein vorwitziges rotes Dreieck schiebt den schwarzen Bühnenvorhang für einige Zentimeter beiseite und lugt hervor. Dann verschwindet es wieder. Was das Dreieck sich traut, trauen andere sich auch: ein gelbes Quadrat, ein blaues Rechteck, ein grüner Kreis sie alle sind jedoch Teile eines Maschinenwesens. Fünf solcher Wesen, Figurinen genannt und von Kurt Schmidt für sein "mechanisches Ballett" eigens entwickelt, bevölkern bald die Bühne. Und wer genau hinschaut, merkt, daß es sich mit den Maschinen ganz genauso verhält wie mit den Menschen: Da gibt es Sympathien und Abneigungen, Streit und Versöhnung, Spiele und Tänze. Ja wirklich, die Maschinenwesen tanzen. Sie schwingen ihre geometrischen Glieder zu atonalen wie zu melodischen Klängen. Sie tanzen ein herrlich beschwingtes Ballett, an dem jeder Mechaniker seine helle Freude gehabt hätte.
Unheimlich geht es dagegen in Moholnys "mechanischer Exzentrik" zu: Pfeile schwirren durch die Luft - kreuz und quer über die Bühne. Hinter einem Lamellenvorhang liegen Geräte unbekannter Funktion. Plötzlich kommt Leben in die toten Dinger. Es blitzt und kracht. Und dann fällt von oben der Schatten eines mächtigen Gitters über die ganze Szenerie. Immer wieder schießen die Pfeile geschäftig hin und her. Sie weben an einem Gittermuster, das die Bühnenwelt verhängt. Diese Welt besteht plötzlich auch lauter Vierecken. In eines von ihnen werden in rasender Abfolge Filmschnipsel projeziert. Musik nimmt die Bedrohlichkeit der Maschinerie auf. Und sie zwingt eine Tänzerin, die wie zufällig in das Geschehen gerät, Teil der Mechanik zu werden. Und was die Bauhäusler einst ahnten, haben die Düsseldorfer endlich bewiesen: Daß der Mensch der Mechanik das Wesen des Theaters verleihen kann.
nic
Mitteldeutsche Zeitung
 
 
Die Mechanische Bauhausbühne
Mit seinem Programm "Die Mechanische Bauhausbühne" brachte vom 7 bis 9 Oktober das vor einem Jahr
gegründete Düsseldorfer "Theater der Klänge" In der Aula des Dessauer Bauhauses zwei wesentliche im Weimar der 20er Jahre kreierten Bühnenwerke zur Aufführung:"Das mechanische Ballett" des in Gera lebendem und noch produktiv schaffenden Bauhausschüler Kurt Schmidt (geboren 1901) und "Die mechanische Exzentrik" des einstigen Bauhausmeisters Laszlo Moholy-Nagy (1895 bis 1946),Während das "Mechanische Ballett" am, 17, August 1923 anläßlich der Bauhauswoche eine öffentliche Uraufführung Stadttheater Jena zur Musik von Hans Heinz Stuckenschmidt (1901-1988) erlebte, blieb die "Mechanische Exzentrik" ein theoretisch-utopisches Theaterprojekt, Erst der Einsatz modernster Technik machte in unseren Tagen eine Realisation der komplizierten Partitur und damit die
Premiere durch das "Theater der Klänge" am 27 November 1987 in Düsseldorf möglich, Es handelt sich hierbei um ein "freies Musik- und Tanztheater'', dessen Mitglieder Komponisten, Musiker,Tänzer, Schauspieler und Künstler sind, Spiritus rector des jungen Ensembles ist der Komponist Jörg U, Lensing, Nach 25 Aufführungen des Programms in der BRD, Belgien und Österreich war es für die Theatermacher der bisherige Höhepunkt ihres Wirkens, mit der "Mechanischen Bauhausbühne" in Dessau zu gastieren.
Im traditionsreichen Bauhaus fand damit erstmalig seit 1932 eine derartige Theateraufführung statt! Im Juni1989 werden die Düsseldorfer auch in Weimar, Gera, Dresden und Berlin auftreten.
Im Vorfeld Ihrer Inszenierung haben Mitglieder des "Theaters der Klänge" bei Exkursionen nach Weimar, Gera ( vierstündiges Gespräch mit Kurt Schmidt, den sie auch dieser Tage wieder aufsuchten), Dessau und Westberlin (Bauhaus-Archiv) die Originalvorlagen minutiös rekonstruiert. Von Huttula Moholy-Nagy erhielten sie die Bearbeitungs- und Aufführungsrechte.
In ihrem Programm wird ein radikaler Ansatzpunkt der "Bühne am Bauhaus", deren konzeptionelles Anliegen 1925 von Oskar Schlemmer, Laszlo Moholy-Nagy und Farkas Molnar im vierten der "bauhausbücher" dargestellt wurde, zur Entfaltung gebracht, die nahezu vollständige Mechanisierung des Bühnengeschehens als eigenständige Theaterhandlung. Der Mensch, der bis dahin im Theater als "Träger logisch-kausaler Handlungen und lebendiger Denktätigkeit" fungierte, wird hier zum "Vermittler abstrakter Formbilder"
Kurt Schmidt, der von 1920 bis 1924 am Weimarer Bauhaus entscheidende Impulse von Itten , Feininger Kandinsky und Schlemmer empfing, hat 1923 aus eigenen Vorstellungen das "Mechanische Ballett" entwickelt, in dem abstrakte Formen auf der Bühne tänzerisch-pantomimisch ein eigenes Leben erhalten. Nur entfernt an Menschen erinnernde, mannshohe, farblich voneinander abgesetzte, geometrische Figurinen werden von verborgenen, schwarz gekleideten Akteuren so bewegt, daß durch die Choreographie fortwährend ein überaus lebendiges, der abstrakten Malerei gemäßes Bildgeschehen abläuft. Der menschliche Körper tritt dabei bewußt zurück "um einem bunten, reinen Formenspiel Platz zu machen" Die Flächigkeit der Figurinen läßt nur Seitwärtsbewegungen ihrer Träger zu und damit ein zweidimensionales, die Bühnenform des Guckkasten bedingendes Spiel. In den Fünfteiligen, etwa 40minütigen Ballett, das auch die Bezeichnung " Bühnenorganisation mit einfachen Formen" trägt, treten die Figurinen einzeln bis gemeinsam in einer auf Steigerung und Variation bedachten Reihenfolge auf, wobei es die Düsseldorfer nicht an humorvollen Pointierungen fehlen ließen. Ensemblemitglied Hanno Spelsberg hat dazu eine neue Begleitmusik ( Klavier, Schlagzeug, Posaune) geschaffen, die mit einfachen melodischen Floskel, Jazz-Elementen und maschinenhaften Rhythmen operiert.
Laszlo Moholy-Nagy, der von 1923 bis 1928 als Leiter des Vorkurses und Metallwerkstatt in Weimar und Dessau fungierte, entwickelte 1925 in seinem Artikel " Theater, Zirkus Variete" die Forderung einer "mechanischen Exzentrik als einer Aktionskonzentration der Bühne in Reinkultur". Seine"Mechanische Exzentrik" (1924-1925), so die Partiturskizze, ist eine "Synthese von Form,Bewegung, Ton (Musik), Licht (Farbe) und Geruch". Er nutzt dafür die dreidimensionale Bühne und mehrere Bühnenebenen. Da schweben Pfeile durch das Bild, Lamellen öffnen sich, Kreise rotieren, aus "Elektro-Apparaten" ertönen gewaltige Klänge, Jalousien geben Blicke frei und schließen sich wieder, Diapositive in verschiedenen Farben und der 1921/22 skizzierte und 1987 von Josef Schiefer erstellte Film "Dynamik der Großstadt" werden eingeblendet.Gegen Ende erscheint ein Clown und staunt über derlei automatische Handlungsabläufe, dem folgt eine hektische Tanzszene, in der das Menschliche auf "Menschenmechanik"reduziert ist. So befremdlich und ungewohnt dies auch wirken mag, der unmittelbaren Faszinationskraft des Bühnengeschehens kann man sich nur schwer entziehen. Dies ist ein Verdienst der Darsteller, deren Interpretationen von einem beeindruckenden Perfektionsgrad, übergreifender Spielfreude und Lebendigkeit geprägt waren.
Eine großartige Leistung.
Michael von Hintzenstern
Thüriger Tageblatt
 
 
Konstruktivismus und Variete
Jubel erntete das Düsseldorfer "Theater der Klänge" zum Auftakt von "Dance '89", dem 2. Internationalen Tanzfestival in München. Es flogen keine putzigen Tütüs, es wurden keine Gliedmaßen expressiv geschleudert. Eine Art "kinetische Kunst" war im Carl-Qrff-Saal am Gasteig zu bestaunen. Diese "Bilder" haben die Größe einer Bühne, auf der sie die Bewegungsmöglichkeiten ihrer beliebigen Elemente auffächern können. Tänzer benötigen die "Bilder" höchstens noch als Maschinen, die dienend das "Gemälde", die "Collage", die "Plastik", die "Installation", das "Theater", den "Tanz" - wie man's auch immer nennen will - in Bewegung halten. Auf dieses Prinzip kann man die Titel "Das mechanische Ballett" und "Die mechanische Exzentrik" beziehen. Beide Spektakel sind nicht die Ideen g'spinnerter, junger Leute, sondern ehrwürdige Werke, rund 60 Jahre alt. Wie der Conferencier mit schmissiger Kreissäge (Jörg Lensing) vor der Vorstellung erzählt, präsentierte sich das Weimarer Bauhaus 1923 mit den Bauhauswochen der Öffentlichkeit. Auch auf der Bühne wurde damals einiges geboten - selbst wenn ein fürchterliches Organisations-Chaos herrschte: Ein junger Mann namens Kurt Schmidt (Jahrgang 1901) führte sein "mechanisches Ballett" auf. Rote, grüne, blaue, gelbe, orangene, graue und weiße Flächen aus unregelmäßig zusammengesetzten Rechtecken werden auf schwarz gewandete Tänzer (in der heutigen Rekonstruktion: Claudia Auerbach, Laura Wissing, Jacqueline Fischer, Tanja Nie, Kerstin Hörner) geschnallt.
Im zarten Morgenlicht (Lichtregie: Sascha Hardt) - die Musik klingt wie Weckerticken (Hanno SpeIsberg, Axel Heinrich, Peter Arnolds) - spitzen kleine rote und weiße Ecken aus der Bühnengasse heraus, bevor die Gesamt- Formen gravitätisch vor ihr Publikum treten. Die fünf Figuren haben zunächst. ihr Solo, dannach bilden sie Gruppen (Choreographie und Inszenierung Jörg Lensing). Es entstehen kinetische, konstruktivistische Kompositionen, aber auch Ausdrucksformen von Gefühlen und Wesenszügen. Bestimmte Bewegungen, wie Zittern, Schreiten, Umarmen oder Vorstoßen, werden von den Zuschauern sinnstiftend interpretiert - auch wenn die Bewegungsträger abstrakt, nicht- menschlich sind.
Im zweiten Teil des Abends wurden Laszlo Moholy-Nagys (1895-1946) nie aufgeführte Überlegungen zur "mechanischen Exzentrik" in die Tat umgesetzt. Es treten auf: Dias und Jalousien, bunte Pfeile und ein großes Gitter- Netz, Filme und Räder, Lichtfarben und Polaroid-Kamera, sogar Menschen (Axel Heinrich, Kerstin Hörner), die sich aber wie aufgezogenes Blechspielzeug geben.
Das "Theater der Klänge" kombiniert in der Nachfolge des Experimentators Moholy-Nagy edel ausgewogenen Konstruktivismus, abstraktes Marionettentheater mit Pfeilen und Reifen sowie buntscheckige Variete-Pantomime. Die kühne Spannung von völlig durchdachter Kunst - der Gittervorhang auf der Bühne erinnert an ein Mondrian-Gemälde -zu schlichtem Jahrmarkt-Klamauk hat sogar das aufgeschlossene Premierenpublikum irritiert. Freches ist eben auch mit 60 noch frech.
Simone Dattenberger
Münchner Merkur
 
 
Da lacht das Bastlerherz
Würde nicht der Conferencier noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, daß es sich hier um zwei Bühnenereignisse aus dem Bauhaus der zwanziger Jahre handelt, so könnte man durchaus glauben, bei der "mechanischen Bauhausbühne" ginge es um eine schicke Demonstrationsveranstaltung eines hiesigen Heimwerkerbedarf-Großmarktes gleichen Namens. Im ersten Teil wird die Vielfalt der Laubsäge-Arbeit und der Lacke vorgeführt, die in phantasievollem Design zu einem mechanischen Kostüm gehören. Der Schönheit der Mechanik und der Verführungskraft der Geometrie allerdings nur halb vertrauend, entspinnt man zwischen den Figurinen von Maschinenwesen, Lokomotive und Tänzern eine durch aus menschliche Liebes- und Eifersuchtsgeschichte: dies wirkt wie eine dramaturgische Bemäntelung der sonst befürchteten Langeweile. Im zweiten Teil läuft das Spiel der auf- und niederschießenden Pfeile, rollenden Räder, schwingenden Keulen und auf blitzenden Lichter ferngesteuert und multimedial. Das Düsseldorfer "Theater der Klänge" rühmt sich, mit der Rekonstruktion von Kurt Schmidts Mechanischem Ballett und der Uraufführung der Mechanischen Exzentrik nach dramaturgischen Konzepten von Moholy-Nagy ein perfektes und spannendes "Gesamtkunstwerk" geschaffen zu haben, richtungsweisend für einen kreativen und emanzipatorischen Umgang mit der Technik. Sie sind enthusiastisch, heute verwirklichen zu können, wovon die Bauhäusler träumten. Dabei übersehen sie, daß die Geschichte dem Einsatz der Technik ein anderes Gesicht gegeben hat: deren Realität steht oft im Widerspruch zu den einstigen Utopien. Ihr zweckfreier, nur der Bildimagination dienender Gebrauch auf der Bühne verkommt zum verklärenden schönen Schein.
Katrin Bettina Müller
Der Tagesspiegel
 
 
Wie von Geisterhand gesteuert
Im Bauhaus entwarfen fortschrittliche Meister und Studenten in den zwanziger Jahren nicht nur Architektur und Design, sondern Bauhauskünstler wie Oskar Schlemmer, Molnar und Laszlo Moholy-Nagy versuchten auch im Bereich der Bühne das Bauhaus-Prinzip der Einheit von Kunst und Technik durchzusetzen. Das Bühnenbild wurde in eine konstruktivistische Bühnenarchitektur umgewandelt, die Bewegungen der Schauspieler lösten sich in mechanisierten Gesten auf.
Mit dem Verbot des Bauhauses durch die Nationalsozialisten Im Jahre 1933 wurde die Diskussion um die kontroversen Bühnenkonzepte der Bauhauskünstler abrupt beendet. Die Bauhaus-Bühne geriet in Vergessenheit. Eine Renaissance erlebte sie nicht, wenn gleich, einige rekonstruiert wurden. An diese Rekonstruktionsarbeiten knüpft eine freie Theatergruppe aus Düsseldorf an. Seit mehr als einem Jahr setzt sich das "Theater der Klänge" mit der Theaterästhetik der zwanziger Jahre auseinander und stellt "Die mechanische Bauhausbühne" in den Mittelpunkt ihres Programms. Um die vollständige .Mechanisierung" des Bühnengeschehens. mit der damals wie heute die Vorstellung eines Gesamtkunstwerks verbunden ist, geht es in den beiden im Hebbel-Theater vorgestellten Stücken bekannter Bauhauskünstler.
"Das mechanische Ballett" von Kurt Schmidt entworfen und 1923 in Jena uraufgeführt, ist eine Komposition für fünf Tänzer, deren Körper hinter geometrischen Farbflächen verborgen bleiben. Formelemente in leuchtendem Rot, Gelb, Grün und Blau sowie verhaltenen Grau tönen sind an Körper, Armen, Beinen und sogar an den Köpfen der Künstler befestigt. Bewegen sie sich im Rhythmus der aus Jazz-Elementen bestehenden, teilweise an Fabrikgeräusche erinnernden Musik, so entstehen unendlich viele Formkombinationen. Technische Formen seien schön wie Naturformen, hat Kurt Schmidt das Gefühl beschrieben, aus dem heraus er dieses Tanzspektakel schuf.
Während die abstrakten Formenwesen von Kurt Schmidt sich immer nur in eine Richtung hin- und herbewegen, schuf Laszlo Moholy-Nagy mit seiner 1924/25 entstandenen .Mechanischen Exzentrik" eine ungleich kompliziertere Bühnen-Show, die bis zu ihrer Aufführung durch das Theater der Klänge im vergangenen Jahr lediglich als Entwurf existierte. Kreise und Pfeile schweben - wie von Geisterhand gesteuert - durch den Bühnenraum. Räder rollen über den Boden und wieder zurück. Jalousien werden geöffnet und geschlossen. Gittervorhänge heben und senken sich. Im Hintergrund läuft ein Film. Aus einem Rohr quillt Rauch und senkt sich auf die Köpfe des erstaunten Publikums.
"Aktionskonzentration der Bühne in Reinkultur" hat Moholy-Nagy diese Bühnenkomposition genannt, die ohne menschliches Dazutun funktioniert. Scheinbar: denn am Ende kommen sie auf die Bühne, die Drahtzieher, und nehmen den verdienten Beifall des Publikums in Empfang.
Christa Piotrofski
Der Tagesspiegel
 
 
Käfertanz und Bauhausbühne
Wesentlich stärker auf die Kraft und ausdauernde. Wirkung des Vergangenen baut hingegen das Theater der Klänge, eine erst zwei Jahre alte Formation junger Tänzer, Schauspieler, Musiker und bilden der Künstler Ihre "Mechanische Bauhausbühne" setzte den fulminanten Schlußpunkt hinter das Mouson.Projekt. Im ersten Teil des – von einem "Conferencier" mit einem lautmalerischen Monolog annoncierten - Abends zeigte das insgesamt vierzehn Mitglieder starke Ensemble eine perfekte Rekonstruktion von Kurt Schmidts "Mechanischem Ballett" kreiert und aufgeführt zur Bauhausausstellung anno 1923. Nach diesem mal sachten, mal ausgelassenen Tanz der leuchtend-farbigen, Dreiecke, Kreise und Rauten (von dem sich im Jahr seiner Uraufführung nicht nur Paul Klee überschwenglich begeistert zeigte) schlug dann die Stunde der "Mechanischen Exzentrik". Laszlo Moholy-Nagy hatte sich dieses Spektakel aus Form, Farbe, Bewegung, Licht und Ton, welches die Mechanisierung des Bühnengeschehens als selbständige Theaterhandlung begreift, seinerzeit ausgedacht und 1925 in der Publikation "Die Bühne am Bauhaus" veröffentlicht, aber niemals realisiert. Das Theater der Klänge nahm sich nun Moholy-Nagys Entwurf an, griff seine Gedanken mit den Möglichkeiten der heutigen Technik auf und machte daraus ein frappierendes Multimedia-Ereignis, das viele jener Unternehmen, die heute unter diesem Etikett daherkommen, in den Schallen stellt.
Rita Henss
Frankfurter Allgemeine Zeitung
 
 
Giganten aus dem Bauhaus
Ein rotes Parallelogramm erscheint, dann gelbe, blaue geometrische Formen, plötzlich unten ein Grün, dazu drummen, posaunen und spielen auf dem Klavier drei Musiker eine eigene Komposition. Die geometrischen Farbtafeln haben sich auf der Bühne inzwischen zu einer Phalanx von Pappkameraden komplettiert, laut Programmheft Windmühle, Maschinenwesen, Lokomotive, Tänzer und Kleiner. Sie sind Ausgeburten der Bauhaus-Utopie von einer mechanisierbaren Bühnenhandlung.
Das Düsseldorfer "Theater der Klänge" zeigte diese theaterarchäologischen Funde aus einer ahnungsvoll-aufgeregten Zeit im Ernst-Waldau-Theater: neben dem "Mechanischen Ballett" des inzwischen 87jährigen Kurt Schmidt die erstmals jetzt realisierte "Mechanische Exzentrik" von Laszlo Maholy-Nagy. Er war Meister an Walter Gropius' "Kathedrale des Sozialismus", dem Weimarer Bauhaus. Aber gehören solche konstruktivistischen Kunstwerke, die dank ganz versteckt mitwirkender Künstler das Laufen gelernt haben, überhaupt zu einer Woche des politischen Theaters? Für das "Mechanische Ballett" mag man es bejahen. Seiner aktuellen politisch-sozialen Wirkung hatten die ebenso intellektuellen wie präzisen Düsseldorfer geschickt nachgeholfen. Sie unterlegten den geometrisch durchgestylten Giganten in ihrer roboterhaften Typik psychologisch ablesbare Reaktionen wie Aggression und Defensive, Triumph und Unterwerfung, sogar Zuneigung und Scherzhaftes. Der Konstruktivismus zeigte plötzlich Seele.
Ein reines Laborkonstrukt dagegen die "Mechanische Exzentrik", die gleichwohl prächtig funktionierte und ästhetisch imponierte. Trotz modernen Filmmaterials und "mechanischer" Geräusche wie Sirenengeheul kein eigentlich politisch gerichtetes Experiment. Das findet allenfalls als Teamwork für diese interessante Begegnung von Kunst und Technologie hinter der Bühne statt.
I.G.
Weser Kurier
 
 
Kühler Triumpf für die Geometrie
So ein Ballett: Auf der Bühne "tanzen" farbige geometrische Figuren einen abstrakt futuristischen Reigen. Etwa so, als betrachtete man im Museum ein konstruktivistisches Gemälde, dass ich in fortwährender Metamorphose befindet. Das ergibt einen Sinnenreiz, der den Zuschauer irritiert und 40 Minuten lang in Staunen versetzt, weil die Dinge, deren er sich rational vergewissert glaubte, sich nun verselbständigen und in Bewegung versetzen. Wir schwanken. Ist diese Schau ein grotesker Traum oder ein pfiffiges Experiment aus Klang, Rhythmus und Farbe? Markiert sie den Anbruch des finalen Roboterzeitalters oder bloß den einer konsequenten Moderne? Etwas von alldem, sicher, denn wir befinden uns zum Auftakt des Festivals "Theater in Bewegung" im hochartifiziellen, originalen Bauhaus- Kosmos. 80 Jahren nach Uraufführung in Jena kehrte das ..Mechanische Ballett" , ehedem von Kurt Schmidt kreiert, heim in die Saalestadt. An der Inszenierung (Jörg U. Lensing), mit der das "Theater der Klänge" aus Düsseldorf seit 1987 rund um den Globus tourt, hat noch Schmidt selbst mitgewirkt. Schon die Namen der Figurinen - zum Beispiel "Maschinenwesen", "Windmühle", "Lokomotive" – sprechen für eine kühle Dominanz des Technischen. Von Menschen hingegen ist auf der Bühne nichts zu sehen. Sie verbergen sich, ganz in Schwarz gewandet, hinter den farbigen Elementen, die sie an Armen, Beinen und am Körper festmontiert tragen, um ihnen die künstliche Lebendigkeit von Maschinenseelen zu verleihen. Das verlangt jedem der Tänzer höchste Disziplin ab in der absolut präzisen Ausführung - letztendlich – unnatürlicher Bewegungen. Das Düsseldorfer Ensemble beherrscht diese Kunst vollkommen. Vor dem Auge des Zuschauers entspinnt sich ein Prozess aus kaleidoskopartigen Variationen, dessen besondere Ästhetik aus immer wieder neuen Kombinationen geometrisch klar strukturierter Farbflächen resultiert. Eigentlich kann man solche Aktion sogar als bildkünstlerische Arbeit verstehen, so als sähe man einem großen Collagisten beim spielerischen Ausprobieren mit vorgefertigten Elementen zu. Tatsächlich jedoch liegt eine strenge Choreographie zugrunde, die sich an der tonmalerischen Vorgabe und Begleitung durch ein dreiköpfiges Jazz-Ensemble – Klavier, Schlagwerk, Posaune – orientiert. Aus atonaler Serialität entwickelt sich dabei erst allmählich sinnhaft musikalische Struktur, und als Rhythmus und Tempo an Schärfe zunehmen, gewinnt der beschleunigte Tanz auf der Bühne sogar eine komische Note. Diese Aufführung einmal gesehen zu haben, ist für jeden halbwegs kunst- und kulturhistorisch interessierten Menschen unvergesslich. Die Sehnsucht nach Wiederholung indes hält sich in Grenzen.
Wolfgang Hirsch
TLZ
 
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  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE