Coda
 
Ein Popstar namens Bach
(...) Am Anfang gehört die Bühne der famosen Cellistin Beate Wolff. Sie hat mit ihrem Instrument auf der linken Seite Platz genommen. Konzentriert spielt sie Bachs Cello Suite, werkgetreu, präzise. Nach wenigen Minuten kommen die zwei Tänzerinnen hinzu. Nina Hänel und Phaedra Pisimisi. Sie beginnen die Klänge zu verwandeln.
Töne werden Bewegungen, dann entstehen Bilder. Mit Licht malen die Füße der Frauen Linien auf den Boden. Ihre Schritte sind den höfischen Tänzen der Suite entnommen, Sarabande, Allemande, Courante und Gigue. Erst zeichnen sie streng geometrische Formen, dann gesellen sich Schnörkel, Kringel und Ornamente hinzu, sachlich trifft verspielt. Das sieht wunderschön aus und ist nicht weniger als ein kleines Wunder. Wer zuvor bezweifelt hatte, dass man Barockmusik malen kann, gibt sich unter der Beweislast geschlagen. Am Ende des ersten Teils bauscht sich das Licht wie der Rock der Tänzerinnen, es fließt und weht, züngelt wie Feuer die Wände empor. Ein Flammenmeer in rot und gelb.

Der Abend ist auf mutige Art und Weise gegen die Hektik der Zeit gebürstet. Er ist umwerfend ästhetisch. Er ist ruhig, manipulativ, ja fast hypnotisch. Warum er aber "Coda" heißt, versteht man erst im zweiten Teil nach der Pause. Coda, also auf italienisch Schwanz, bezeichnet den Ausklang eines Musikstücks, den Part, der ein Werk am Ende zusammenfasst.
Cellistin Beate Wolff macht Pause. Die Musik kommt jetzt aus Lautsprechern: elektronische Beats, die schnell sind, aber nicht hektisch. Klänge und Bewegungen werden in opulente Bilder auf die Hinterwand der Bühne übertragen. Irgendwann erahnt man Mauern aus Licht, eine Kirche vielleicht. Der Blick fällt durch einen Gang in einen öffentlichen Garten.

Das Erstaunliche: Das, was wir hören, ist immer noch Bach, dekliniert bis zum Ende der technischen Möglichkeiten. Und so wird aus dem alten Herrn letztlich unser Zeitgenosse: Bach der Popstar, wild, frei und heutig.
Petra Kuiper
Neue Rhein Zeitung
 
 
Videokunst zu Musik von Bach
In seinem neuen Stück widmet sich das THEATER DER KLÄNGE dem Erbe der Musik Johann Sebastian Bachs und den Tanzformen des Barock. Man fühlt sich zunächst an einen Hof versetzt, der Tanz ist respektvolle Konversation, Ausdruck und Etikette. Das ändert sich jedoch schnell. Kurvenbewegungen fließen hinein. Die Tänzerinnen experimentieren. Unterstützt werden sie dabei von Licht, das in unterschiedlichen Mustern auf die Bühne projiziert wird. So ragen einmal nur die Arme heraus, der Rest des Körpers bleibt im Dunkeln.
Die Macher von "CODA" spielen gekonnt mit den Bildern, die sich aus Licht und Schatten ergeben. So entsteht eine surreale Welt vor den Augen des Betrachters, in der die Tänzerinnen Formen wie die eines Eisbergs oder eines Pendels einnehmen.
Drastischer wird das noch im zweiten Teil des Stückes. Die Töne sind wilder, Bachs Klänge werden elektronisch verfremdet und verlängert. Es beginnt mit einem Echo des Cello-Spiels und weitet sich aus zu einem insektenartigen Surren. Ein anderes Mal zieht ein großer Sturm auf. Dann wieder scheint die Musik einen reißenden Fluss zu beschreiben. Verstörend ist das manchmal, aber gut umgesetzt.
Wie aus einem Fiebertraum wirken die Videobilder, die dabei auf die Bühne geworfen werden. Raumkonstanten verschieben sich auf ihnen. Das Gefühl kurz vor der Ohnmacht wird greifbar. Die Tänzerinnen erscheinen mal als Gefangene, mal als Bezwingerinnen des Lichts, der Lichtstreifen, die sie umgeben, wie ein Netz.
Leichte Kost ist das nicht. "Coda" richtet den Blick auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Für die Wirrheit gibt es keine Auflösung, den Schlusspunkt bildet eine Aufnahme von Flammen, in denen die Tänzerin aufgeht. Das Publikum dankt mit Trommelapplaus.

Verena Patel
Rheinische Post
 
 
Die verlorene Symmetrie
Johann Sebastian Bach als Ballettkomponist – ein größerer Gegensatz ist kaum vorstellbar. Dennoch waren schon viele seiner Stücke Grundlage für Choreografien. John Neumeier hat sogar aus der "Matthäus-Passion" mit dem Hamburg Ballett einen berühmten Tanztheaterabend gemacht. Nun bringt das Theater der Klänge in Düsseldorf die Cellosuite in c-Moll mit zwei Tänzerinnen auf die Bühne. "CODA" heißt das Stück.

Der Abend beginnt wie ein Kammerkonzert. Die Cellistin Beate Wolff tritt auf, verneigt sich kurz und spielt das Prélude aus Bachs Cellosuite in c-Moll. Erst in den folgenden Sätzen treten zwei Tänzerinnen auf, ganz in weiß, gemessenen Schrittes. Ihre Füße scheinen Spuren auf dem Bühnenboden zu hinterlassen. Es sind Videoprojektionen, die live zu ihren Bewegungen eingespielt werden. Auf dem Boden entsteht ein symmetrisches Muster. Es entspricht den Ballettnotationen des Tanzmeisters Raoul-Auger Feuillet. Was heute vom Tanzstil des Barock bekannt ist, beruht weitgehend auf seinen Schriften, die am Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden.

Ensemble mit Forschungsdrang

Das Erforschen historischer Theaterformen ist ein Grundinteresse des Theaters der Klänge in Düsseldorf. Vor Kurzem hat das Ensemble seinen 25. Geburtstag gefeiert. Der Titel des neuen Stücks "CODA" verweist auch auf die Geschichte der Gruppe. Es ist ein Anhängsel, etwas, das noch gesagt, gespielt, getanzt werden muss. Nach vielen Stücken, in denen die Intermedialität im Vordergrund stand. Mit einer vorher bestehenden Musik hat sich das Theater der Klänge lange nicht beschäftigt. Bachs Cellosuiten reizten Regisseur Jörg U. Lensing, weil die Titel der Sätze barocke Tänze zitieren, aber keine Tanzmusik sind.

So wie Bach über die Tänze der Barockzeit nachdachte und ihren Charakter veränderte, beschäftigt sich das Theater der Klänge nun mit der Cellosuite. Nach dem ersten Durchlauf gibt es eine kurze Pause. Dann beginnt die Solistin erneut, ihr Instrument ist nun elektronisch verstärkt. Und nicht nur das, es entstehen Echos, Klangreflexionen, Verzerrungen. Der Komponist Thomas Neuhaus sitzt am Computer und mischt die Klänge live zum Spiel der Cellistin. Das Material ist festgelegt, es gibt aber auch Spielraum für Improvisationen. Die Musikerin und der Mann am Laptop reagieren aufeinander. Auch die Tänzerinnen können in Jacqueline Fischers Choreographie durch ihre Bewegungen auf die Einspielungen Einfluss nehmen.

Barock in Auflösung

Die barocken Formen lösen sich auf. Der Videokünstler Tobias Rosenberger wird immer aktiver. Seine Projektionen sind die einzige Lichtquelle, die Scheinwerfer im Theater bleiben aus. Über eine liegende Tänzerin schickt er Bilder von Gittern, die sich gummiartig verbiegen und schließlich Strahlen wie in einem Science-Fiction-Film, wenn Raumschiffe schneller fliegen als das Licht. Mal sind nur einzelne Körperteile im Licht, Hände, das Gesicht. Die Körper der Tänzerinnen Nina Hänel und Phaedra Psimisi werden fragmentiert und wieder zusammen gesetzt. Die Bilder lassen sich nicht rationalisieren oder in Worte fassen. Auf jeden Fall ist "CODA" eine vielschichtige, respektvolle Konfrontation barocker Kunstformen mit der Gegenwart.
Stefan Keim
www.deutschlandradiokultur.de
 
 
Die im Dunkeln tanzen, sieht man nicht
Das Theater der Klänge ist ein Ensembletheater mit Produktionsräumen in
Düsseldorf, das jährlich eine Neuproduktion erstellt und diese dann bei
Gastspielen auf der ganzen Welt präsentiert. Kopf und Gründer des
Ensembles ist Jörg Udo Lensing, der auch die Inszenierung der
diesjährigen Produktion verantwortet. Coda - Johann Sebastian Bach Cello
Suite in c-moll lautet der etwas behäbige Titel, der unter dem Zitat von
Mario Vargas Liosa steht: "Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst".
Also kümmert Lensing sich um das kulturelle Erbe Bachscher Musik, aber
eben mit Coda; und das hat dann nicht mehr arg viel mit Bach zu tun. Als
Coda wird der angehängte, ausklingende Teil eines Musikstückes
bezeichnet, der üblicherweise noch einmal die wesentlichen Charakterzüge
des gesamten Stücks aufgreift. Bei der Premiere im Forum Freies Theater
Düsseldorf wird schnell deutlich, dass die Coda hier gleich mal die ganze
zweite Hälfte des Abends umfasst und nicht von Johann Sebastian Bach,
sondern im Wesentlichen von Thomas Neuhaus stammt.
Der Bühnenraum, der den Besuchern zu Füßen liegt, ist leer. Ein paar
silberfarbene Vorhänge im Hintergrund, die später als Projektionsfläche
dienen, ein Stuhl, ein Notenständer. Auftritt der Cellistin Beate Wolff.
Kurze Verbeugung, Einrichtung des Instruments, Vorspiel. Der
musikalische Vortrag der Suite klingt eher stumpf. Es fehlen Transparenz
und Brillanz. Zum Ende des Abends wird man sich fragen, ob das so
gewollt ist. Mit Beginn der Tanzsätze treten Nina Hänel und Phaedra
Pisimisi in weißen, halbtransparenten Overalls auf, über die sie im
darauffolgenden Satz weite schwingende Röcke streifen.
Videoprojektionen auf dem Fußboden geben ihrer Tanzrichtung den
Verlauf vor. Choreographin Jacqueline Fischer hat hier in Zusammenarbeit
mit den Tänzerinnen bewusst geometrische Linienverläufe im Raum
gewählt. In Ansätzen werden typische Figuren, Haltungen und Gesten des
barocken Tanzes erkennbar. Wenn man denn etwas erkennt. Boris
Kahnert folgt mit seinem Licht der häufigen Marotte zeitgenössischen
Tanzes und lässt nicht viel mehr als die Silhouetten der Tänzerinnen
erkennen oder maximal einzelne Körperteile im Scheinwerfer erstrahlen.
Das ist kein besonderer Kunstgriff, sondern schlechtes Handwerk. Da hilft
auch nicht, wenn die Tänzerinnen zur Projektionsfläche von Licht und
Videoeinspielungen werden. Eine einzige Szene im ersten Teil bereitet
wahrhafte Freude. Da nimmt Bahnert mit einem Spot die Füße Hänels in
den Fokus, die die klassischen Tanzschritte des Barock vollführen. Eine Schande ist es vor allem deshalb, weil Hänel und Pisimisi eigentlich
begnadete Ausdruckstänzerinnen sind, die nicht verdienen, als Silhouetten
"Vverbraten" zu werden.
In der zweiten Hälfte demonstriert Lensing, was er unter dem Erbe Bachs
versteht. Auftritt Wolff, kurze Verbeugung, Einrichtung des Instruments -
und dann geht es los. Das Cello wird nun elektronisch verstärkt und mit
zahlreichen Effekten behaftet. Neuhaus verwendet nurmehr Motive aus
der Cello-Suite, die er stark verfremdet und zu den Tanzsätzen vom Band
laufen lässt. Erst zum Gigue, dem letzten Satz, kommt Wolff wieder zum
Einsatz. Hier verwandelt sie ihr Cello zum Zupf- und Schlaginstrument. Es
wird eine der stärksten Stellen des Abends. Doch bis dahin gilt es noch,
die Videokünste Tobias Rosenbergers zu erleben. Der wechselt die
Perspektive. Zeigt er im zweiten Prelude noch ein flackerndes und
flimmerndes Video mit Motiven barocker Schlösser und Theater, sind es in
den Tanzsätzen die Bewegungsformen der Tänzerinnen, die verfremdet
auf die Projektionsflächen geworfen werden. Hänel und Pisimisi, jetzt in
bronzefarbenen respektive grünen Overalls, tanzen im Vierteldunkel mit
versteinerter Miene und sind doch nur Material im Gesamtkonzept. Wenn
das Ergebnis "integrativer, intermedialer" Bühnenarbeit - so das erklärte
Ziel des Theaters der Klänge - das der Unterordnung der Menschen unter
die Medien ist, ist das indiskutabel. Auch dann, wenn die Menschen, wie in
diesem Fall, mit ihren Bewegungen die Projektionen beeinflussen. So
beeindruckt das Stück mit einer Flut an Sinneseindrücken, ohne wahrhaft
zu überzeugen.
Beim Zwischenbeifall ist der "Fanblock" zu hören. Zum Ende werden die
Künstlerinnen mit verhaltenem Applaus bedacht. Vielleicht kommt man
mit dem Einsatz zusätzlicher Medien zu neuen Ausdrucksformen im
Theater. Sicher ist das nicht.
Michael S. Zerban
Opernnetz
 
zurück
     
  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE